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Maria Sibylla Merian
Kabinettausstellung

13 Jan 2017 — 6 Aug 2017

Leben und Werk

Vor 300 Jahren endete ein erfülltes und spannendes Leben in Amsterdam. Geboren wurde Maria Sibylla Merian am zweiten April 1647 in der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main. Im dritten Lebensjahr verlor sie ihren Vater, den Publizisten und Drucker Matthäus Merian (1593—1650). Von ihm und ihrem Stiefvater Jacob Marrel (1614—1681) übernahm Maria Sibylla besondere Talente. So gilt sie als Mitbegründerin moderner, aufgeklärter Wissenschaften, aber auch als bedeutende Künstlerin und Gestalterin. Schon als Kind beschäftigte sie sich mit Tieren und Pflanzen, deren Lebensweise und Klassifikation. In idealer Weise nutze sie das eigene künstlerische Talent, gefördert durch ihr Umfeld, zum Erkenntnisgewinn und veränderte so die Welt. Fest verwurzelt in der Gesellschaft und im Glauben des 17. Jahrhunderts, ermöglichten ihr das Zeitalter der Entdeckungen und der Beginn der Emanzipation große Entfaltungsmöglichkeiten, die sie auch zu nutzen wusste. Die Ausstellung anlässlich des 300. Todesjahres im Museum Wiesbaden kann nur ungenügend das Leben und das vielfältige Werk von Maria Sibylla Merian vorstellen. Zahlreiche Biographien und wissenschaftliche Aufsätze stehen jedoch dafür zur Verfügung.

In Wiesbaden können ihre originalen Tierpräparate aus Südamerika in Augenschein genommen werden, die aus konservatorischen Gründen nur selten die geschützten Depots verlassen dürfen. Der größte Teil ihrer Studienaufzeichnungen zu den heimischen Insekten befindet sich heute in St. Petersburg. Dazu schufen die Präparatoren Malte Seehausen und Felix Richter neun Dioramen, die uns eigenes Forschen ermöglichen.

Die Metamorphose

Zu Zeiten Merians wurde allgemein angenommen, dass niedere Tiere durch Urzeugung (Abiogenese) aus unbelebter Materie entstünden. Erst 1668 gelang es Francesco Redi (1626—1697) in einem Experiment nachzuweisen, dass nur die Ablage von Eiern die Besiedlung eines Fleischstückes mit Fliegenmaden ermöglicht. Die Kenntnis über weitere Vorgänge der Umwandlung der Larvenform zum erwachsenen Tier war äußerst bescheiden. Zu den ersten Bearbeitern des Themas Metamorphose zählt der niederländische Maler und Entomologe Johannes Goedaert (1620—1668), der im Sinne der Aufklärung bereits darauf Wert legte, seine Forschungsobjekte selbst zu beobachten und nicht das vermeintliche Wissen anderer zu kopieren. Seine langjährigen Zuchten dokumentierte er auf 125 Tafeln, die auch Maria Sibylla Merian kannte (Schmidt-Loske, 2007). Merians Interesse an der Natur und im Besonderen an Insekten hatte sicherlich mit ihrem Umfeld zu tun. Geboren in einem liberalen und gebildeten Haus, befreit von finanziellen Nöten, konnte sie bereits als Kind im elterlichen Garten auf Entdeckungsreise gehen. Noch heute wird ein solches Interesse meist schon in der Kindheit erkennbar. Die vom Virus der Insektenkunde (Entomologie) Befallenen bleiben diesem Thema ein Leben lang treu. Schmetterlinge waren in Frankfurt am Main aber auch aus anderen Gründen ein bedeutendes Thema, da hier der europäische Seidenhandel sein Zentrum hatte. In der Region gab es einige Züchter und so entschied sich die dreizehnjährige Merian, den Seidenspinner zu erforschen. Im Gegensatz zu anderen Insekten hatte dieser keinen schlechten Ruf und konnte gefahrlos gezüchtet werden. Ihrem Studienbuch vertraute Merian zeitlebens ihre Ergebnisse an. Dabei gelangen ihr auch komplexe und höchst befremdliche Beobachtungen, wie die Entwicklung von Parasiten. Die Metamorphose ist Grundthema der drei Bücher mit dem Titel „Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung“ (1679, 1683, 1717). Dabei bleibt es bis heute unklar, ob Merian die Metamorphose auch mit Insekten in Verbindung brachte, die im Gegensatz zu Schmetterlingen eine unvollständige (hemimetabole) Verwandlung durchlaufen. So sind beispielsweise die Jugendformen der Heuschrecken nur geringfügig abweichend von den Erwachsenenstadien (Imagines). Es finden sich Hinweise darauf, dass die Entdeckung der Verwandlung der Schmetterlinge von Merian auch auf andere Tiergruppen übertragen wurde, die völlig andere „Metamorphosen“ durchlaufen. So vermutete sie beispielsweise, dass sich die Vogelspinne in einem Kokon verwandle und merkt an: „sie häuten sich von Zeit zu Zeit wie die Raupen, aber ich habe nie fliegende gefunden“.

Zur Ökologie

Die Beziehungen der Lebewesen untereinander und mit ihrer unbelebten Umwelt ist Studienobjekt der Ökologie. Die erste Definition stammt aus dem Jahr 1866 von Ernst Haeckel (1834—1919). Untergliedert wird diese heute in die Bereiche Populationsökologie, Ökosysteme und Lebensgemeinschaften. Letztere sind auch Themen von Maria Sibylla Merian. Insbesondere beschäftigte sich Merian eingehend mit den Wechselbeziehungen zwischen einer einzelnen Art und ihrer Umwelt. Biologische Systeme sind in den meisten Fällen hoch komplex und daher schwierig zu untersuchen. Dafür müssen Grundlagen geschaffen werden. Es fehlen bis heute einfachste Erkenntnisse, insbesondere zur Lebensweise und dem Lebenszyklus einzelner Arten — mögen sie uns noch so häufig begegnen. Zu Merians Zeiten existierte keinerlei Interesse daran, besonders wenn es sich um wirtschaftlich unbedeutende Organismen handelte. Erforschung und Zucht der Raupen setzte das Auffinden der verschiedenen Arten voraus. Daher erwuchs bei Merian die Erkenntnis, dass nicht beliebige Pflanzen die Nahrungsgrundlage der Raupen bilden, sondern in den meisten Fällen ein enges Verhältnis existiert. Die Raupen des Tagpfauenauges finden sich an den Brennnesseln, die des Wolfsmilchschwärmers am häufigsten an giftigen Wolfsmilchgewächsen und der Weidenbohrer an verschiedenen Laubgehölzen. Dieses Wissen vermehrte Merian in erheblichem Maße, auch wenn ihr mancher Fehler unterlief. Ihre Reise nach Surinam ermöglichte die Übertragung ihrer Kenntnisse auf tropische Lebensräume, deren Komplexität dort nochmals gesteigert in Erscheinung tritt. Merians Wissen wuchs an und im Laufe ihrer eigenen Forschung gelang es ihr sogar, Parasitismus zu beschreiben und dem Wechselspiel einzelner Arten zuzuordnen. Das von ihr erforschte Thema ist noch lange nicht abgeschlossen und erfordert weitere Generationen, die daraus geistigen und gelegentlich auch wirtschaftlichen Profit schlagen.

Die Sammlung im Museum Wiesbaden

Mit der Gründung des Naturhistorischen Museums gelangte eine der größten und ältesten Wirbellosen-Sammlungen nach Wiesbaden. Zu verdanken ist dies Johann Isaak von Gerning (1767—1837), Schriftsteller, Sammler und Diplomat. Sein Vater, der Händler und Frankfurter Bankier Johann Christian Gerning (1745—1802), hatte mehr als 40.000 Exemplare des 18. Jahrhunderts aus aller Welt zusammengetragen. Die Tiere sind in Glaskästchen montiert und mit reichlich Quecksilber vor schädigendem Fraß geschützt worden. Maria Sibylla Merians Tierpräparate gelangten laut Hüsgen (1790) durch Remigius von Klettenberg 1694—1766) und Johann Nikolaus Körner (1710—1773) in die Gerningsche Sammlung. Letzterer war Mitarbeiter von August Johann Rösel von Rosenhof (1705—1759), dem Naturforscher und Kupferstecher, der nicht nur das darstellerische Erbe Merians mit seinem Werk „Insecten-Belustigung“ antrat. Als Mitbegründer der Experimentalbiologie gelang es ihm ebenfalls nachzuweisen, dass Fliegen aus Eiern entstehen – und nicht, wie allgemein angenommen, spontan aus verrottendem Substrat. Nur sehr wenige Präparate wurden entsprechend ihrer Herkunft ausgewiesen und daher geriet das Wissen um Merians naturwissenschaftliche Sammlungen in Vergessenheit. Voraussetzung für eine Bearbeitung in unserer Zeit war die restauratorische Bearbeitung eines Großteiles der Sammlung Gerning. Frau Karin Müller widmete sich ehrenamtlich über fünf Jahre hinweg dieser Arbeit. Erst dadurch war es möglich, die Sammlung zu studieren. Dank der Initiative und Forschung von Joos van de Plas konnten erstmals einzelne Tiere Merian zugeordnet werden. Dabei ist festzuhalten, dass wir uns immer nur mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten nähern können, denn eindeutige Dokumente fehlen. Im Rahmen der Wiedereröffnung der Dauerausstellungen im Jahr 2013 erschien ein Katalog mit den Ergebnissen von Frau van de Plas.

Die Sammlung Gerning war in ihrer Zeit in Europa gut bekannt, so dass zahlreiche Forscher an ihr arbeiteten. Neben Johann Christian Fabricius (1745—1808) und Johann Wolfgang von Goethe (1749—1832) gilt es besonders den Schmetterlingskundler Eugen Johann Christoph Esp er (1742—1810) zu benennen. In seinem reich illustrierten Werk „Die Schmetterlinge in Abbildungen nach der Natur mit Beschreibungen“ (1776—1807) stellt er zahlreiche Arten erstmals wissenschaftlich vor. Die genannten Exemplare befinden sich noch heute in der Wiesbadener Sammlung und zählen zu den bedeutendsten Naturobjekten. Auch die Frankfurter Malerin Marie Eleonora Hochecker (1761—1834) illustrierte über 3000 Arten der Sammlung im Auftrag von Gerning. Dank dieser entstand in Paris das Standardwerk „Papillons d‘Europe, peints d‘après nature“ von Jaques Louis Florentin Engramelle (1734—1814). In 350 Kupfertafeln gelang es erstmals, die Vielfalt europäischer Schmetterlinge darzustellen. Aus dem Nachlass Gernings befindet sich eine besonders prachtvolle Ausgabe des achtbändigen Werkes im Museum Wiesbaden.

Die neun Raupen-Dioramen

Zu Merians Zeiten waren konservierende Methoden zur Erhaltung und Präsentation biologischer Objekte kaum bekannt. Lediglich das Trocknen der Insekten wurde genutzt. Die Präparate müssen außerdem vor Schmutz und sie zerstörenden Insekten geschützt werden. Erst das folgende Jahrhundert nahm sich dieses Themas ausgiebiger an. Daher erstaunt es, dass die Insekten der letzten Sammeljahre von Merian erhalten geblieben sind. Es ist einem besonderen Glücksfall geschuldet, dass die in der Ausstellung erstmals präsentierten neun Raupen-Dioramen zu Beginn des 21. Jahrhunderts entstehen konnten. Unter Glasglocken geschützt, vereinen diese den Lebenszyklus europäischer Schmetterlinge, die bereits Merians Interesse weckten und ihre Studienbücher füllten. Grundlage bilden dabei die Kenntnisse des Biologen und Schmetterlingszüchters Matthias Sanetra, der bereits als Kind von solchen Tierdarstellungen träumte. Dem Präparator Detlev Gregorczyk ist es zu verdanken, dass die Raupen durch Gefriertrocknung im Vakuum ihre Lebendigkeit erhalten konnten. Drei der neun Pflanzen konservierte Sebastian Brandt für das Museum. Schließlich und endlich gelang es den beiden Museumspräparatoren Felix Richter und Malte Seehausen, weitere Pflanzenpräparate herzustellen und die Komponenten in einem zeitintensiven Akt zu vereinen. Präsentiert werden die Dioramen auf Cortenstahl-Tischen aus der Werkstatt von Siegf ried Huhle. So sind neun der von Maria Sibylla Merian beschriebenen und illustrierten Lebensgeschichten in dreidimensionaler Tiefe entstanden und können von den Besuchern erforscht werden.

Öffentliche Führungen

Sa 4 Feb 2017
Anlässlich der Ausstellung 'Maria Sibylla Merian' und des freien Samstags schlüpft die Frankfurter Schauspielerin Kate Schaaf in die Rolle dieser außergewöhnlichen Frau. Zusätzlich führt der Kurator um 16:00 Uhr durch die Merian-Ausstellung.

Ausstellungskatalog

Die Sammlung von Maria Sibylla Merian im Museum Wiesbaden
Museum Wiesbaden (Hrsg.)

48 Seiten, 20 Farbabbildungen, Text: Englisch/Deutsch, 14,8 x 21 cm
ISBN: 978-3-89258-110-9
5,- Euro

Der Katalog ist vor Ort im Museumsshop erhältlich. Außerdem können Sie ihn gerne per Mail bestellen. Bitte senden Sie Ihre Bestellung an: jessica.krimmel@museum-wiesbaden.de.
Wir senden Ihnen Ihre Bestellung dann auf Rechnung nach Hause.