Schließen
zurück zur Übersicht

Alte Meister

 

Grundlage der Präsentation der Alten Meister sind Themenräume, in denen die Besucher nach Gattungen geordnete Darstellungen erleben können. Um die Aktualität innerhalb dieser jeweiligen Gattungen zu verdeutlichen, finden sich in den Räumen auch Positionen der Gegenwartskunst wieder.

Das Entree: Grapheme

Die Rauminstallation Grapheme des 1977 geborenen Berliner Künstlers Robert Seidel stellt das Entree zu den Räumlichkeiten der Alten Meister dar. Einem Tunnel gleich verdichtet und erweitert sich der Raum mittels Farben, Spiegel, Skulpturen, Projektionen und Klang und nimmt den Betrachter mit auf eine sphärische Reise in unbekannte Welten. Diese Reise komprimiert künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten der letzten Jahrhunderte über Farbe, Form und Raum und versetzt diese in Bewegung. Die Rauminstallation Seidels steht für die ständig anhaltende Verlebendigung unseres kulturellen Erbes.

Der Kirchensaal: Im Museum Wiesbaden gibt es eine „Kirche“. 

In dem 1915 fertig gestellten Museumsbau des Architekten Theodor Fischer erhielten die Skulpturen im so genannten Kirchensaal, im zweiten Geschoss des Südflügels, ihr eigenes Domizil. Der Zentralraum, dessen Grundriss ein Oktogon bildet, sollte — ganz dem Geist des Historismus entsprechend — den aus ihren sakralen Zusammenhängen gerissenen Figuren etwas von der Feierlichkeit und Würde ihrer ursprünglichen Ausstellungsorte zurückgeben. 

Die heutige Präsentation knüpft an diese Tradition an, indem sie den Werken des Mittelalters einen zweiten Wiedereinzug in den neu sanierten Kirchensaal gewährt.

Zwei Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern, die Bodenarbeit Morgenabend von Micha Ullman und die Skulptur A Tale of the Sphinx von Katsura Funakoshi im Kirchensaal treten in einen Dialog mit den mittelalterlichen Skulpturen. Begegnungen von Alt und Neu können zu einem anhaltenden Gespräch führen, wenn der Betrachter sich darauf einlässt. Nur so kann der Ort als lebendiger Organismus verstanden werden. 

Der Sakral-Raum

Der anschließende Raum ist ebenfalls der religiösen Kunst vorbehalten, mit zum Teil sehr großformatigen mariologischen und christologischen Bildtafeln aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Anhand der Themen, beispielsweise der Christus-darstellungen, kann man exemplarisch das wechselvolle Verhältnis von Religion und ihren sich wandelnden Bildprogrammen studieren. 
Der zeitgenössische Frankfurter Künstler Jan Schmidt zeigt mit einer Craquelé-Arbeit, dass Bilder „Uhren ohne Zeiger“ sein können. Im Inneren tickt die Zeit, insbesondere, wenn es sich um Holztafeln handelt. Ein kleines Netz von Rissen gibt über ihr bisheriges Leben Auskunft. Schmidt fokussiert die veränderte Oberfläche, erhebt sie zu einem eigenen Kunstwerk und „malt Zeit“.

Der Portrait-Raum

Der folgende Portraitraum ist der italienischen Kunst gewidmet. Im Zentrum steht ein Portrait von Giulia Gonzaga, deren Schönheit im selben Raum mit Anselm Feuerbachs Nanna konkurriert und die so die Galerie der „schönen Frauen Italiens“ abrundet. 

Der Niederländer-Raum

Der folgende Raum ist ganz dem Goldenen Zeitalter der Niederländischen Malerei gewidmet, dem 17. Jahrhundert. Hier sind ausnahmsweise alle Gattungen vereint: Portrait, Stillleben, Landschaft, mythologische sowie religiöse Werke. Sie zeigen einen Querschnitt der malerischen Möglichkeiten der Niederländischen Kunst dieser Zeit.

Sie alle finden sich in Kazuo Katases Raum eines Raumes wieder. Der in Kassel lebende japanische Künstler hat sich für seine Installation intensiv mit den Werken der Niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts auseinandergesetzt. Im Zentrum steht die eigens für das Museum Wiesbaden entwickelte Rauminstallation Raum eines Raumes. Hier setzt Katase sich mit einem der bekanntesten holländischen Künstler des Barock, Jan Vermeer van Delft (1632—1675), auseinander. Vermeers einzigartiger Umgang mit dem Licht und die Nutzung der Camera obscura werden in dieser Installation thematisiert und mittels einer komplexen Inszenierung neu befragt. 

Der Mythologie-Raum

Der anschließende Raum der Mythologie gibt einen Einblick in die Welt der antiken griechischen Mythen. Beginnend mit harmlos anmutenden, mit Pfeilen spielenden Putten von Francesco Primaticcio, hin zu direkten erotischen Anspielungen der Danae von Sebastiano Ricci, über die dramatische Fesselung des Prometheus von Luca Ferrari, beruhigt sich die Szenerie schließlich bei Pietro Liberis Venus mit Gefolge. 

Der Stillleben-Raum

Der Stillleben-Raum vereint Sparten der Stillleben-Malerei wie Blumen-, Bücher-, Fisch-, Früchte- und Musikinstrumente-Stillleben. Sie bestechen durch offensichtliche wie verborgene Sinnschichten, lassen über Leiden, Vergänglichkeit und Tod reflektieren, weisen moralische, religiöse und erotische Implikationen auf und mahnen den Betrachter stets vor dem Überfluss. 

Der Landschafts-Raum 

Der “abschließende“ Landschaftsraum fasst noch einmal die besonderen Stärken der Wiesbadener Sammlung Alter Meister zusammen. Er zeigt, dass ein thematischer Schwerpunkt bei der Landschaftsmalerei liegt. Kontrastierend führt uns der zeitgenössische preisgekrönte Film Reise zum Wald von Jörn Staeger in die Gegenwart der Landschaftswahrnehmung. 

Mit dieser Präsentation von Kunstwerken aus der Abteilung Alter Meister möchte das Museum Wiesbaden auch zukünftig Kommunikationsprozesse anregen. Vom „Museumstempel“ zum Dialogort — ein Prozess, der die Entmystifizierung der Aura des Ortes erlaubt, aber niemals der Kunst.