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Klassische Moderne

 

Alexej von Jawlensky

Der Werkkomplex um den Künstler Alexej von Jawlensky, der von 1921 bis zu seinem Tod 1941 in Wiesbaden lebte, bildet heute einen der großen Schwerpunkte im Museum Wiesbaden. Dies ist keineswegs selbstverständlich, da eine erste zu Lebzeiten des Künstlers aufgebaute Jawlensky-Sammlung zwischen 1933 und 1937 aufgrund der verheerenden Kulturpolitik der Nationalsozialisten völlig aufgelöst wurde. Alle Werke, die sich noch 1932 als Leihgabe oder Eigenbesitz im Museum Wiesbaden befanden — immerhin mehr als 20 Gemälde — wurden an die Besitzer zurückgegeben bzw. 1937 beschlagnahmt und abtransportiert.

Die heutige Wiesbadener Jawlensky-Sammlung, die mit insgesamt über 100 Werken neben der des Norton Simon Museums in Pasadena (USA/Kalifornien) die Umfangreichste zum Werk des Künstlers darstellt, konnte in den letzten 25 Jahren hinsichtlich Qualität und Werkauswahl zur bedeutendsten Sammlung weltweit ausgebaut werden.

Alle Entwicklungsstufen des Künstlers — seine frühe Münchner Phase, der Murnauer und Schwabinger Aufbruch, die Schweizer Exilzeit sowie die wichtige Wiesbadener Periode — sind mit Hauptwerken vertreten. Hinzu kommt, dass im Museum Wiesbaden neben dem malerischen auch das graphische Werk äußerst facettenreich in hervorragender Qualität — u. a. Selbstportraits, Bildnisse und Landschaften — bewahrt wird. Eine bedeutende Jawlensky-Erwerbung gelang mit dem Gemälde „Heilandsgesicht: Ruhendes Licht“ (1921) anlässlich der Wiedereröffnung des Museumsmitteltraktes im Jahr 2006. Diese wurde möglich durch eine Verwaltungskooperation mit der Ernst von Siemens Kunststiftung sowie durch großzügige Zuschüsse der Kulturstiftung der Länder, der Hessischen Kulturstiftung, der Landeshauptstadt Wiesbaden, der Hessischen Landesbank, der SV Sparkassenversicherung Hessen-Naussau-Thüringen und der Naspa-Stiftung Initiative und Leistung.

2014 konnte zudem das Gemälde „Helene im spanischen Kostüm“ anlässlich der Jubiläumsausstellung zum 150. Geburtstag von Alexej von Jawlensky für das Haus gewonnen werden. Der Wiesbadener Sammler, Frank Brabant, der das Museum seit vielen Jahren mit Leihgaben zu den verschiedenen Ausstellungen der Klassischen Moderne unterstützt, schenkte dieses zentrale Werk.

Deutscher Expressionismus und die Sammlung Hanna Bekker vom Rath

Zusätzliches Gewicht erhält die Abteilung Klassische Moderne durch die Sammlung Hanna Bekker vom Rath, die im Jahr 1987 ans Haus gebunden werden konnte. Zu den bedeutenden Expressionisten Ernst Barlach, Lovis Corinth, Lyonel Feininger, Natalia Gontscharowa, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker, Otto Mueller oder Emil Nolde kamen durch diese für das Museum wegweisende Erwerbung Ende der 1980er-Jahre noch Hauptwerke von u.a. Willi Baumeister, Max Beckmann, Erich Heckel, Wassily Kandinsky, August Macke und Karl Schmidt-Rottluff hinzu.

Der Ankauf ist untrennbar verbunden mit dem Namen der Sammlerin und Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath, die viele Künstler, deren Kunst während des Nazi-Regimes als „entartet“ galt, im so genannten Blauen Haus (in Hofheim im Taunus) beherbergte. Aus ihrem Nachlass erwarb der Verein zur Förderung der Bildenden Kunst in Wiesbaden e. V. insgesamt 30 Gemälde und Zeichnungen höchsten Ranges und stellte sie dem Museum Wiesbaden als testamentarisch und vertraglich verfügte Dauerleihgabe zur Verfügung.

Konstruktive Positionen

Dieser zweite Schwerpunkt der Abteilung Klassische Moderne umfasst Werke von Ella Bergmann-Michel, Erich Buchholz, Walter Dexel, Adolf Fleischmann, Werner Graeff, Robert Michel, László Moholy-Nagy, François Morellet, Anton Stankowski und Friedrich Vordemberge-Gildewart.

Für die Geschichte der Moderne in der Wiesbadener Kunstsammlung sind die konstruktiven Positionen insofern von Bedeutung, als hier im Taunus 1927 der „ring neue werbegestalter“ gegründet wurde. Von der nationalsozialistischen Kulturpolitik waren die Arbeiten dieser Künstler ebenso wie die der Expressionisten als „entartet“ gebrandmarkt und aus den Museen entfernt worden. Mit Werken von László Moholy-Nagy, Walter Dexel und Erich Buchholz wurde der Grundstein für einen Sammlungsschwerpunkt konstruktiver Kunst im Museum Wiesbaden bereits in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt.

An die Wiesbadener Tradition der konstruktiven Positionen wurde — im Gegensatz zur Jawlensky-Sammlung — jedoch in den 1950er-Jahren zunächst nur zögerlich angeknüpft. Erst in den 1990er-Jahren glückte mit Hilfe der Schweizer Stiftung Vordemberge-Gildewart der Anschluss an die konstruktive Kunst der Zwischenkriegsjahre. Ausschlaggebend hierfür war, dass dem Museum Wiesbaden im Jahr 1997 der Nachlass von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899—1962), dem in den 1920er-Jahren von keinem geringeren als Theo van Doesburg die Mitgliedschaft in der De Stijl-Gruppe angeboten wurde, als Schenkung übereignet wurde. Dieser umfasst neben den rund 50.000 Zeichnungen, typografischen Arbeiten, Studien und Gästebüchern von Vordemberge-Gildewart auch zahlreiche Skizzen, Fotos, Briefe und Archivalien von dessen Künstlerfreunden (u. a. Kurt Schwitters, László Moholy-Nagy, Theo van Doesburg). Hierdurch ist das Museum zu einem der wichtigsten Orte dieser künstlerischen Strömung in Deutschland geworden.

Zur Wiedereröffnung des Mitteltraktes im Jahr 2006 wurden dem Museum Wiesbaden von Annely Juda Fine Art zehn Rekonstruktionen der frühen Reliefs von Wladimir Tatlin (um 1915) als Dauerleihgaben zur Verfügung gestellt. Dabei handelt es sich um Inkunabeln der russischen Avantgarde und der modernen Skulptur, die gerade in der unmittelbaren Nachbarschaft von Ilya Kabakovs raumgreifender Installation „Der rote Waggon“ (1991) ihren sinnvollen Platz haben und somit nahtlos in die Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überleiten.

alle Fotos: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert