Interview mit Angela Glajcar

AUSSTELLUNGEN

Porträt der Künstlerin Angela Glajcar vor ihrem Werk im Museum Wiesbaden. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert

Angela Glajcar zu Besuch im Museum Wiesbaden: Unsere Kollegin Jana Dennhard hat die Künstlerin zum Interview getroffen!

JaD: Liebe Frau Glajcar, wie geht es Ihnen? Welche Projekte treiben Sie gerade um?

AG: Momentan die Arbeit an einer in situ-Installation für eine Privatsammlung in der Schweiz — im Oktober wird installiert, ein wunderbares Projekt!

JaD: In Ihrer künstlerischen Arbeit haben Sie sich in gewisser Weise dem Papier verschrieben — hat sich dadurch Ihre Wahrnehmung hinsichtlich Papier im Alltag sensibilisiert?

AG: Natürlich hat sich der Blick auf Papier verändert, es gibt sozusagen keinen Tag ohne Papier; es ist in meiner Welt allgegenwärtig. Für mich ist es aber ein Material, um meine Ansichten auszudrücken, es ist wie ein Alphabet, aus dem ich meine Worte baue. Unser oft achtloser Umgang mit ihm im Alltag finde ich bedauerlich.

JaD: Ihre Installation Terforation 2017 — 002 ist seit nunmehr vier Jahren am Museum Wiesbaden. An welchen räumlichen Elementen orientieren Sie sich bei der Gestaltung einer in situ- Arbeit?

AG: Zunächst spielt das Raumklima eine Rolle, welche Atmosphäre herrscht, wie sind die Proportionen, welche Wege führen durch den Raum, welches Licht ist vorhanden. All diese vorgegebenen Tatsachen analysiere ich und entscheide dann, welche ich davon nutzen und welche ich verändern möchte.

JaD: Würden Sie daran anknüpfend sagen, dass Ihre Arbeiten einen bestehenden Ort formen, dass die Umgebung die Arbeit fasst — gar definiert — oder Sie einen gänzlich neuen Raum/Ort schaffen? Wie bedingen sich die verschiedenen „Akteure“ dieser Rauminstallationen?

AG: Somit kann eine Arbeit einen Raum total verändern. Das ist aber für mich gar kein Muss,sondern es kommt auf die Situation an. Manche Räume brauchen Unterstützung, um überhaupt zur Wirkung zu kommen, manche Räume wirken von sich aus und nehmen gerne noch mehr auf und es entsteht ein Dialog. Kürzlich habe ich ein interessantes Buch gelesen von Roberta Rio Der Topophilia-Effekt: Wie Orte auf uns wirken. Sie beschreibt sehr anschaulich, wie Räume wirken durch ihre Geschichte, wie Räume aufgeladen sind durch verschiedene Aspekte, die wir oftmals spüren können — unbewusst. Das sind Dinge, denen ich nachgehe, wie kann ich Räume nutzen und bauen, die uns aufladen.

JaD: Bei der Betrachtung/Begehung/Erfahrung Ihrer Arbeit hat es den Anschein, dass die Risse zwar wohl durchdacht, jedoch nicht bis ins kleinste Detail geplant sind. In den Dokumentationen der Arbeitsprozesse zeigt sich jedoch, dass jede Installation präzisester Planung folgt. Bis zu welchem Riss genau stimmen diese Vorabvisualisierungen mit der endgültigen Arbeit überein?

AG: Mit Material direkt zu arbeiten ist immer eine Herausforderung. Man kann planen und vorab vieles klären, aber der spannende Prozess setzt ein, wenn es wirklich losgeht. Ich baue meine großen Installationen als 3D Modelle, oft baue ich auch Teilmodelle in Papier in verschiedenen Maßstäben. Besonders die Teile der Arbeit, die komplizierter sind, z.B. Übergänge. Ich bereite mich so vor, dass ich die Installation sozusagen „auswendig“ kann. Rodler gehen die Abfahrten vorher durch, sie sitzen auf einer Bank und alle Neigungen und Kurven werden körperlich nochmal geübt, erst dann setzen sie sich in den Rodel und brausen im Kanal herunter. Wenn ich an den Installationen arbeite, dann schaue ich im Modell nach, aber die Hauptarbeit findet nur noch am realen Material statt. Es muss im Gesamten stimmen, das Modell ist eine Art Geländer, aber ich arbeite dann gerne wieder losgelöst und frei, meine Installation habe ich auswendig gelernt und nun kann ich sie umsetzen.

JaD: Gibt es eine:n lebende:n oder tote:n Künstler:in in der Sammlung des Museums, mit dem:der Sie sich einmal austauschen wollen würden? Und wenn ja, wieso?

AG: Oh ja, das wäre sicher Eva Hesse. Sie muss eine kraftvolle Frau gewesen sein. Sie hatte den Mut, frei zu arbeiten, vielseitig und unkonventionell. Auf Bildern und Videos wirkt sie manchmal eher verträumt, etwas entrückt. Ein solch opulentes Werk in so kurzer Zeit zu schaffen widerspricht dem aber. Ein Gespräch mit ihr wäre sehr spannend, kollegial, ich empfinde große Bewunderung für sie. Da wäre ich sehr neugierig sie als Person kennenzulernen.

JaD: Wenn alles möglich wäre: Welchen Ort würden Sie gerne bespielen und warum?

AG: In einer Welt, in der man sich alles wünschen darf, fallen mir natürlich viele Orte ein, denn mein Blick ist immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Pinakothek der Moderne in München mit ihrer luftigen Höhe der Haupthalle ohne sakral zu sein. Oder über der langen Treppe bei Falckenberg in Hamburg. Auch die drei Ebenen der Kunsthalle Bregenz; alles starke Orte, die vielversprechend sind. Für mich ist es immer wieder spannend Räume zu erobern, die durch den installativen Eingriff ganz anders erfahren werden können, ganz anders sichtbar werden.

JaD: Ihre „kleinen“ Terforationen zeigen sich des Öfteren auf intensiv farbigem Grund. Ist diese farbige Fassung als Teil des von Ihnen intendierten Seherlebnisses zu werten und demnach eine künstlerische Setzung?

AG: Meine Materialien sind meist weiß, das Papier reflektiert die Farbe der Umgebung, dadurch entsteht Farbigkeit. Das Material schmiegt sich an seine umgebende Farbigkeit an. Das ist völlig unabhängig von der Größe der Arbeiten, ob nun monumentale Installationen oder kleine Wandobjekte. Durch die umgebende Farbigkeit wird auch Stimmung erzeugt und das ist für mich als raumorientierter Mensch wichtig. Damit spiele ich gerne.

JaD: Eine allumfassende Erfahrung Ihrer Installationen ist nur durch den Besuch am „Ort des Geschehens“ möglich. Das letzte Jahr hat uns jedoch in der Kulturbranche vor Augen geführt, dass es auch Mittel und Wege gibt, Ausstellungen bisweilen virtuell zu erkunden. Was ist Ihre Meinung dazu? Könnten Sie sich solch ein Format ebenso für Ihre Installationen vorstellen? Ich denke hierbei z. B. an VR-Projekte, die sich ja fast mithilfe der digitalen 3D-Modellen Ihrer Arbeiten realisieren lassen könnten.

AG: Natürlich ist ein direktes Erleben immer etwas ganz anderes als ein Blick auf Bilder von etwas. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass auch Bilder einer Raumsituation unsere Phantasie beflügeln können. Sicherlich ist es spannend damit zu experimentieren, ob räumliche Ideen und Stimmungen virtuell vermittelt oder Eindrücke angestoßen werden können. Besonders im vergangenen Jahr haben wir ja alle erlebt, wie schön es ist unseren Gedanken freien Lauf zu lassen. Dadurch entstehen Pläne und Vorhaben, die man dann realisieren möchte — das ist eine große Sehnsucht in uns und die virtuelle Welt kann solche Vorhaben anstoßen, das ist wunderbar. Ersetzen kann man das echte Erlebnis nicht, aber zur Ideenentwicklung für zukünftige Pläne ist es bestimmt bereichernd. Während der Corona-Zeit haben sich die Social-Media-Plattformen wie Instagram z.B. als echte Erweiterung gezeigt. Über diese Kanäle ist es möglich, direkt zu kommunizieren, in alle Winkel dieser Welt, auch mit Menschen, die normalerweise gar nicht mit der Kunstwelt direkt in Verbindung stehen. Dieser Schritt raus aus dem Gewohnten finde ich spannend. Es gibt Erlebnisse, die gar nicht übermittelbar sind, z.B. die akustische Wirkung einer Installation, aber z.B. das Spiel mit den Maßstäben ist sehr anschaulich. Da es keine Referenz zur Größe gibt, können Abbildungen dies wunderbar vermitteln. Also insgesamt eine große Bereicherung und Erweiterung.

JaD: Das Bearbeiten von Papier fordert und reizt die Sinne, deshalb zum Schluss noch eine knackige und vielleicht fiese Entweder-Oder-Frage: Lieber Papier reißen hören oder Papierstrukturen fühlen?


AG: Reißen hören ist für mich allgegenwärtig, ich habe dabei ja immer auch das direkte Fühlen des Materials, beides ist miteinander verbunden. Als Bildhauerin ziehe ich das Papierstrukturen fühlen vor, ansonsten wäre ich bestimmt eher Musikerin geworden...

Sie möchten noch mehr über die Arbeit von Angela Glajcar erfahren?

Passend zum Interview stellt Jana Dennhard Ihnen Ihr "Lieblingsstück" vor. Und was könnte es anderes sein, als das Werk Terforation 2.0?

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