Plakatkunst um 1900

AUSSTELLUNGEN

Museum Wiesbaaden / Bernd Fickert

Eine Bereicherung für unsere Jugendstilsammlung

Die Sammlung Ferdinand Wolfgang Neess ist mit über 500 Objekten eine der umfangreichsten und bedeutendsten Jugendstilsammlungen weltweit. Seit 2019 wird sie dauerhaft im Museum Wiesbaden präsentiert.  

Der Sammler schätzte zwar das Jugendstil-Plakat, aber in seiner vollständig auf Exklusivität und Einzelwert ausgerichteten Kollektion spielten diese Auflagenobjekte nur eine sehr untergeordnete Rolle. Zwar befinden sich einige wenige französische Exemplare in der Sammlung, die sich dekorativ in der Küche des damaligen Wohnsitzes des Sammlerehepaars Neess, dem „Weissen Hauses“ befanden, aber als eigenes Ausstellungsthema konnten sich diese beim Transfer der Sammlung ins Museum nicht einfinden.

Witwe Danielle Neess hat sich diesem Umstand angenommen und „liebevoll gesagt“, etwas nachjustiert. Die von ihr erworbenen Stücke versetzten uns nun in die Lage, tatsächlich mit diesem elementaren Medium des Jugendstils zu arbeiten. Dafür wurde ein besonderer Ort im Museum bespielt. Das Plakat verlangt nach Öffentlichkeit, es will, ja es muss gesehen werden. Daher haben wir uns für einen der wichtigsten Verkehrs- und Duchgangsorte im Museum überhaupt entschieden, das Treppenhaus! Dieser eigentliche Unort im Musuem, da er eben nur passiert wird, erfährt dank der Jugendstilplakate eine neue Aufmerksamkeit. Farblich unterlegt und mit Erklärtexten versehen, wird das Treppenhaus zur Plakatwand.

Kurator Dr. Peter Forster, Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
Kurator Dr. Peter Forster, Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert

Plakatkunst um 1900

Die industrielle Massenproduktion infolge der industriellen Revolution ließ der Werbung eine neue Bedeutung zukommen. Wichtigstes Werbemedium war in diesem Kontext das Plakat. Es fungierte innerhalb der urbanen Öffentlichkeit als Kommunikationsmittel und diente dem wirtschaftlichen Konkurrenzkampf ebenso wie der Kunsterziehung. Das Ringen um Aufmerksamkeit beschleunigte die Entwicklung eines möglichst eingängigen und ästhetischen Plakatstils. Große, ausdrucksstarke Figuren, leuchtende Farben und klare Konturen zielten auf Fernwirkung und schnelle Erfassbarkeit.

Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
Museum Wiesbaden / Bernd Fickert

Neben Luxusprodukten und Konsumgütern des Alltags wurden auch Kultur- und Vergnügungsveranstaltungen durch Plakate angepriesen. Ob als allegorische Figur, vorbildliche Hausfrau oder moderne Großstädterin – die Frau war stets zentrales Darstellungsmotiv. Im späten 19. Jahrhundert entwickelte sich somit eine Reklamestrategie, die bis heute eingesetzt wird: Frauen wurden als Blickfang ins Bild gesetzt, um Produkte zu bewerben. Das Produkt selbst, tritt dabei zunächst in den Hintergrund.

Als „Kunst der Straße“ machten die präzise gestalteten Plakate auf Litfaßsäulen, plakatierten Hauswände und Zäune die Stadt zu einem Ausstellungsraum unter freiem Himmel. Viele Kunstschaffende widmeten sich um 1900 der Plakatkunst und verhalfen ihr zu Ansehen und Anerkennung. Die Plakatkunst erhielt im deutschsprachigen Raum ab 1896 durch Wettbewerbe und Ausstellungen entscheidende Impulse für eine neue Stilentwicklung. Zeitschriften wie „Simplicissimus“ und „Jugend“ revolutionierten die grafische Kunst und die Plakatgestaltung.

Plakate aus der Sammlung

Die Junge Rebellin

Dieses Jugendstil-Plakat wurde 1897 als Auskopplung der Januarausgabe der Münchner Kunstzeitschrift „Jugend“ verkauft. Ursprünglich wurde die Zeichnung „Prosit Neujahr“ von Fritz Dannenberg als Illustration des entsprechenden Gedichts abgedruckt. Die Darstellung, der jungen Frau, auf einer knallenden Sektflasche reitend, gibt die unkonventionelle Einstellung der Jugendstil Bewegung wieder. Lediglich das Gesicht wurde ausgearbeitet, der Körper in rotem Anzug ist hingegen nur sehr vereinfacht dargestellt. Die Frisur der jungen Frau wirkt wie aus einem japanischen Farbholzschnitt entnommen. Ikonografisch kann die Darstellung, insbesondere der wegfliegende Korken, durchaus Bezüge zur Phallus-Symbolik aufkommen lassen. Inspiration für das Motiv fand der Künstler womöglich in japanischen, erotischen Grafiken, sog. Shengs.

Mit der Sektlabelaufschrift „Aus der Kellerei der Jugend München“ vergleicht Fritz Dannenberg die noch junge Kunstzeitschrift mit einem prämierten Weingut und schreibt ihr so die Entstehung von etwas Qualitätsvollem zu.

Fritz Dannenberg (1871– ?), gedruckt von Oscar Consée, München, Die Junge Rebellin, 1897, Lithographie 64 cm x 44cm
Fritz Dannenberg (1871– ?), gedruckt von Oscar Consée, München, Die Junge Rebellin, 1897, Lithographie 64 cm x 44cm

Die Münchner Kunstzeitschrift „Jugend“ (1896–1940) erschien wöchentlich und präsentierte unter anderem zahlreiche aufstrebende Künstler:innen, die u.s. im Auftrag der Zeitschrift künstlerisch tätig waren. Als Forum der künstlerischen Avantgarde (insbesondere im Bereich Grafik, Plakatkunst, Kunstgewerbe) fand sie zudem einen eigenen Stil für politische Satire. Sie war berühmt für ihre Titelbilder, ihren radikalen Ton und ihren Einfluss auf den deutschen Jugendstil.

Henri Privat-Livemont (1861–1936), Werbeplakat für Cacao van Houten, 1897 148 x 60 cm
Henri Privat-Livemont (1861–1936), Werbeplakat für Cacao van Houten, 1897 148 x 60 cm

Werbeplakat für Cacao van Houten

Henri Privat-Livemont war belgischer Maler, Glasfenster- und Mosaikkünstler des Jugendstils, wurde jedoch besonders als Plakatkünstler bekannt. Grund dafür waren vor allem seine filigran gestalteten Werbeplakate für Genussmittel und Luxusprodukte wie Absinth, Kakao, Parfum oder Mode.

Auftraggeber dieses Werbeplakats war der niederländische Schokoladenhersteller Van Houten, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Kakaoverarbeitung durch eine hydraulische Kakaopresse revolutionierte und so dazu beitrug, den bitteren Kakao günstig genießbar zu machen. In feinen Linien schwingen sich die Dämpfe der wohlriechenden Trinkschokolade rankenförmig nach oben und auch die Haare der jungen Frau kringeln sich wie so oft im Jugendstil zu ornamentalen Locken.

Sie wollen noch mehr in die Welt der Plakatwerbung der Jahrhundertwende eintauchen? Dann freuen wir uns, Sie ab dem 11. Oktober 2024 in unserer Kabinettausstellung "Plakatfrauen — Frauenplakat" begrüßen zu dürfen. 


Dr. Peter Forster

Kustos Sammlungen 12. bis 19. Jh.

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