Schwarz ist nicht gleich schwarz

AUSSTELLUNGEN

Frank Gerritz in der Eisengießerei in Kaiserslautern. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert

„Sehen, denken, ausführen — diese Direktheit der Zeichnung ist etwas, was mich antreibt. Als Bildhauer und Zeichner interessieren mich natürlich auch die Zwischen-, Randbereiche anderer Gattungen. Die Anfänge meiner Bildhauerei waren geprägt durch Stein- und Holzskulpturen (1984–1988). 1988 entstanden die ersten Eisenskulpturen, die sogenannten Blöcke I–V, die erst durch die Standflächendrucke und ein Jahr später durch die Ergänzung von massiven Bleistiftzeichnungen (der An- Auf- oder Seitenansichten) zur räumlichen Installation wurden. Schon damals habe ich die Maße dieser Arbeiten von meinen eigenen Körpermaßen abgeleitet. Das Maß der Eisenblöcke, abgeleitet von der Größe eines menschlichen Kopfes, 20 x 20 x 20 cm, die ersten massiven Bleistiftzeichnungen 60 x 60 cm (wie ein Portrait, Kopf bis Brust) und später die gesamte Körpergröße x Schulterbreite 180 x 60 cm oder Körpergröße x Spannweite 180 x 180 cm.“

Frank Gerritz

So präsentierte er in seiner ersten Ausstellung im Jahr 1988 die Reihung von vier Blöcken in einem Abstand von 60 cm, einer durchschnittlichen Schrittdistanz und an der Wand die dazugehörigen Bleistiftzeichnungen mit den An-, Auf- oder Seitenansichten der Eisenskulpturen. Mit der Übersetzung der Dimensionen des menschlichen Kopfs (seines eigenen) in die elementare Form des Kubus transferiert er zugleich streng konzeptuell den humanistischen Gedanken als immateriellen Gehalt in das Zentrum der Skulptur. Mit ihrem jeweiligen Gewicht von 60 kg repräsentieren die Skulpturen auch die durchschnittliche Schwere des Menschen. Aus diesen Größen ergeben sich jene relationalen Parameter, die von da an sein gesamtes Œuvre bestimmen: 20 x 20, 60 x 60, 180 x 60, 180 x 180 cm. In diesen Zahlen(-verhältnissen), die bis heute eine Konstante seines Werks bilden, verbirgt sich die Drei als Multiplikator resp. Divisor (20 x 3 = 60, 60 x 3 = 180).

Mithilfe der Eisenblöcke und ihres Gewichts entstehen sodann sogenannte Standflächendrucke — Abdrucke ihrer nicht sichtbaren Standflächen in schwarzer Farbe. Diese Prägedrucke sind Manifestationen der unterschiedlichsten Oberflächenstrukturen, auf die Gerritz zuvor selbst im Graugussverfahren eingewirkt hat. Sie zeigen die Seiten, die den Betrachtenden der Blöcke sonst verborgen bleiben. Das Verreiben und Abnehmen der Druckerfarbe führt im Prozess zwangsläufig dazu, dass die unterschiedlichen Oberflächenstrukturen des Eisens auch in den Objekten stärker hervortreten. Der Künstler versteht die Oberfläche seiner Skulpturen als eine Art Haut mit einem jeweils einzigartigen Bild aus Rissen, Vertiefungen, Narben oder Schrunden. Die Oberflächenansichten sind, einem Fingerabdruck gleich, jeweils singulär und verweisen damit als supplementäre Eigenschaften der Objekte, die sich auf Durchschnittsmaße des menschlichen Körpers beziehen, auf das Individuum im Menschen als dem Maß aller Dinge.

Bei den Blöcken zeigt sich noch eine zweite, für die Zeichnungen wie die Skulpturen gültige Konstante seines Werks: die Bedeutung des Lichts. Abhängig vom Winkel des Lichteinfalls changieren die Blöcke von einem hellen silbrig-grauen bis zu einem fast schwarzen Farbton. Die Freiräume zwischen den einzelnen Elementen sind an vielen Stellen in tiefe Schatten getaucht, bisweilen gelingt es aber dem Licht, in sie einzudringen. Diese schattenfreien Zonen werden in der Übertragung von Skulptur in Zeichnung, in Ansicht und Aufsicht, zu hellen, freigelassenen Zwischenräumen. Sie eröffnen den Betrachtenden Freiräume, die sie mit ihren subjektiven Gedanken füllen mögen. Über Licht und Farbe sagt der Künstler:

„Es geht mir nicht um die Farbe Schwarz an sich, sondern um ihre einzigartige Fähigkeit, die sich verändernde Qualität des Lichts zu zeigen, wenn es sich über die Oberfläche bewegt. Es ist genau in diesem Moment, dass meine Werke zum Leben erweckt werden. (…) Licht kann man am besten auf Schwarz thematisieren. Das Schwarz kann richtig silbrig, oder hellgrau werden, bis zu einem tiefen Schwarz – das kommt darauf an, wie man sich vor der Arbeit einfindet. Am besten wie vor einer Skulptur, die man im Raum auch begreifen möchte. (…) Die reflektierenden Flächen werden zu Projektionsflächen für die Welt. Das ist etwas, was für die Idee der Zeichnung vollkommen überspitzt ist, da es nicht mehr nur eine Linie ist, die ein Quadrat oder einen Kreis umreißt, sondern einen komplett anderen Kosmos darstellt.“

Frank Gerritz

In seinen Wandskulpturen überzieht er in wochenlanger Arbeit MDF-Platten mit dichten Linien eines weichen Bleistifts 9B, sodass die Oberfläche geschlossen wirkt und doch die Struktur des Auftrags bewahrt. Seit 1998 bearbeitet der Künstler 8 mm starke eloxierte Aluminiumplatten mit schwarzem Paintstick, einem wachshaltigen Ölstift. Beide Zeichenmaterialien sind schwarz, weich und nachgiebig und keine Materialien um Flächen exakte Konturen zu verleihen. Sie sind jedoch dazu geeignet, in der Addition der Linien und ihres eigenen Abriebs das Material zu verdichten.

Stellt man sich den Wandskulpturen gegenüber, wird die Spiegelung des eigenen Körpers und des Umraums in den Flächen sichtbar. Man fühlt sich als Betrachter:in der Einwirkung des Werks und zugleich sich selbst ausgesetzt. In die reduzierten Formen und das Hell-Dunkel tritt das Menschliche. Das eloxierte Aluminium wirft unscharfe Schatten zurück, während dicke wachshaltige Ölstift-Striche Licht und Raum reflektieren, da er sie mit nach dem Farbauftrag mit einer Pinselbürste bürstet, sodass eine feine, regelmäßige Struktur entsteht, in die sich das Licht gleichsam hineinlegen kann. Die Flächen der MDF-Platten sind durch entgegengesetzte Schraffuren eines weichen Graphitstifts eingeteilt und changieren zwischen Lichtreflexionen und Schattenwürfen.

Zur Ausstellung

Die Ausstellung Temporary Ground präsentiert 22 Werke und Serien aus den letzten 30 Jahren und ist noch bis zum 29. August 2021 zu sehen.

Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen:

Frank Gerritz — Temporary Ground
Hrsg.: Jörg Daur, Lea Schäfer
144 Seiten mit 53 Abbildungen auf 81 Seiten, dt./en., 29 x 24 cm, Hardcover, Snoeck Verlagsgesellschaft mbH 2020
ISBN: 978-3-86442-351-2
26,— Euro (im Museumsshop)

Der Katalog ist ab sofort erhältlich:
Im Museumsshop vor Ort oder als Bestellung unter museum@museum-wiesbaden.de
/ direktion@museum-wiesbaden.de oder per Telefon unter 0611 / 335 2171.

Blick hinter die Kulissen

Unsere Autorin hat Frank Gerritz während seiner Arbeit in der Eisengießerei besucht. Schauen auch Sie sich das hier entstandene Video zur Ausstellung an und begleiten Sie die beiden!

Hier finden Sie das Begleitprogramm zur Ausstellung, sobald es im Veranstaltungskalender veröffentlich wurde.

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