Zwischen Grillenzirpen und Fluglärm

WISSEN & FORSCHUNG

Zwischen Grillenzirpen und Fluglärm, Froschkonzert und Hochspannungsmasten: Das Flora-Fauna-Habitat, kurz: FFH-Land (nicht zu verwechseln mit dem Radiosender!), parallel zur Westbahn des Frankfurter Flughafens ist ein wahres Natur(schutz)paradies. Und genau dorthin macht sich das Team der Naturhistorischen Sammlungen des Museums Wiesbaden, mit mir im Gepäck, auf zu einer Exkursion.

Wir sind auf der Suche nach Käfern für die Studienausstellung Doch die Käfer Kritze, Kratze im kommenden Jahr. Bepackt mit Bollerwagen, Beil, Gläsern, Netzen und viel Sonnenschutz machen wir uns auf den Weg. Wald und Wiesen, kleine Sanddünen und hohe Gräser erwarten uns. Ein atemberaubender und zugleich ambivalenter Anblick, hier unter den Hochspannungsmasten und den Flugzeugen, aber dennoch mitten in der Natur.

Es ist warm, der heißeste Tag bisher, eine leichte Brise fährt über die Haut. Ein guter Tag zum Käferfangen, wie mir Dr. Hannes Lerp, unser Kurator für Wirbeltiere, erklärt: „Bei warmen Wetter kommen die Käfer gerne raus – man muss aber auch sehr schnell sein.“ Ein Laufkäfer, auf den wir gerade gestoßen sind, macht es uns vor… kaum gesichtet, ist er schon weg und wir stehen mit einem leeren Netz da. Es soll jedoch nicht unser letzter Laufkäfer sein.

In den Netzen landen dafür eine Vielzahl anderer fliegender Gefährten: Rosenkäfer, Bockkäfer, ein kleiner Hirschkäfer oder ein Kardinalskäfer, zudem finden sich jede Menge Schmetterlinge, Wespen, Räuberfliegen und auch eine Hornisse kreuzt unseren Weg. Alle müssen gesichtet, bestimmt und darauf geprüft werden, ob sie Teil der Ausstellung werden sollen.  

Wir suchen weiter im Sand, zwischen Gräsern, unter morschen Holzstämmen, in Büschen und Bäumen, lassen uns von den Geräuschen und kleinsten Bewegungen leiten.

Das Gebiet gleicht in Vielem der Lüneburger Heide, allerdings deutlich weiter südlich und damit klimatisch begünstigter gelegen. Zu den großen Kostbarkeiten zählen offene Sandflächen, die zahlreichen seltenen Pflanzen und Tieren eine Heimat bieten. Dutzende Wespen und Bienen, Käfer und Fliegen sind auf diese Sahara nördlich der Alpen spezialisiert. Bis zu 70 Grad Celsius wird es an heißen Tagen auf dem Sand. Da muss man schon sehr hart im Nehmen sein.

Nur die Maikäfer bleiben aus. 2021 sei in Südhessen kein Maikäfer-Jahr, erzählt Abteilungsleiter Fritz Geller-Grimm, der seit seinem elften Lebensjahr auch Käfer erforscht und die Ausstellung kuratieren wird. Von den Kolleginnen und Kollegen wurden auf einer ersten Exkursion eine Flügeldecke und heute ein Hinterleib des Maikäfers aus vergangenen Tagen entdeckt. Mit einem zwinkernden Auge merkt er an: „Bald schon können wir uns einen Maikäfer zusammenbauen.“

Mir selbst hat es vor allem der Rosenkäfer angetan, mit seinen schönen bunten Farben, den harten Flügeldecken, die ihm das Aussehen von breiten Schultern verleihen. „Rosenkäfer sind sehr beliebt“, verrät Fritz Geller-Grimm. „Die erwachsenen Tiere wurden früher auch gerne für Schmuck verwendet und die Larven machen sich nützlich, indem sie sich von morschem und verpilztem Holz ernähren.“

Doch nicht nur in der Luft gibt es viel zu sehen, denn beim genauen Hinschauen entdecken wir viele Ameisenkolonien. Für Verena Seiffert, unsere Depotverwalterin, ein besonderes Highlight. Mit einem Saugschlauch, einem sog. Exhauster (engl. Für „Auspuff“) sammelt sie einige der wimmelnden Tiere zur Beobachtung ein. Dafür wird das eine Ende des Schlauches nahe an die Insekten gehalten, das andere Ende wird in den Mund genommen. Ein tiefer Atemzug und schwupps, sind die Ameisen im Glasbehälter gelandet. Aber Achtung: Ein Teil der Ameisen spritz Säure zur Verteidigung und diese verkrampft die Bronchien.

„Was passiert mit den Tieren, die der Ausstellung und der wissenschaftlichen Sammlung dienen sollen, nachdem wir sie gefangen und in ein Glas gepackt wurden?“, frage ich. „Dank weniger Tropfen verdampfendem Essigäthers auf Papier werden die Tiere betäubt und schließlich getötet“, erklären mir Fritz Geller-Grimm.

Mancher wird sich fragen, warum denn Insekten für die Wissenschaft gesammelt werden, wo doch jeder vom Niedergang dieser Tiere hört. Der Entomologe (Insektenforscher) unserer Expedition antwortet: „Wenn man einen bestimmten Käfer entdeckt, so gibt es von diesem hunderte, denn Insekten leben in großen Populationen. Die Wissenschaftler können leider keiner Meise Konkurrenz bei der Jagd machen und deshalb auch kein Aussterben auslösen. Außerdem existieren allein in Deutschland mehr als 6500 Käferarten und zahlreiche kann man erst unter dem Mikroskop bestimmen. Die präparierten Nachweise in den Sammlungen lassen uns in der Zukunft Vergleiche anstellen und so den durch die Agrarindustrie verursachten Rückgang der Populationen beschreiben.“

Werte Leser:innen, keine Sorge, Sie müssen nicht erst bis nächstes Jahr warten, um Käfer im Museum Wiesbaden selbst zu erforschen. In unserer Dauerausstellung Ästhetik der Natur finden Sie bereits jetzt schon zahlreiche Käfer. Und wenn Sie bei Ihrem nächsten Spaziergang durch den Wald auf Baumstämmen ein seitliches Zickzack-Muster an einem Käfer entdecken, dann könnten Sie den von uns so sehr begehrten Maikäfer entdeckt haben.

Ich hoffe, das Lesen dieses Beitrags hat Ihnen ebenso viel Freude bereitet wie mir die Exkursion und das Schreiben!

Lena van den Wyenbergh
Wissenschaftliche Volontärin, Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

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