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Tapetenwechsel – Neupräsentation der Moderne und Gegenwart

19 Mär 2026

Installationsansicht mit Birgit Schuhs Kristall (2016; Vordergrund) und Helga Schmidhubers o.T. (2014, Hintergrund), Alle Fotos: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert

Bastian Muhr zeigt in diesem Frühjahr die Intervention „Tapetenwechsel“ und frech habe ich mir erlaubt, seinen Titel auf die Neuhängung unserer Sammlung zu projizieren. Denn auch hier haben wir einen Tapetenwechsel vorgenommen – allerdings im übertragenen Sinne: von Raum zu Raum verändert sich das „Bild“ unserer Präsentation, treten neue Aspekte unserer Sammlung hinzu.

Da ist zunächst die Malerei, die in ihrer Auseinandersetzung um Gegenstand und Abstraktion, künstlerischer Geste oder bildnerischem Konzept in unterschiedlichen Ausführungen sichtbar wird; aber auch Skulptur und Installation, die den Raum erobert und hinterfragt. Gerade im Zusammenspiel von beidem ergeben sich spannende Kontraste und Zusammenhänge.

Elvira Bach, ohne Titel, 1985

Im ersten, der Malerei gewidmeten Raum finden sich ganz unterschiedliche Figurationen, darunter Selbstporträts von Andy Warhol und Elvira Bach. Letztere zeigt eine namenlose Frauengestalt, die doch deutlich autobiographische Züge trägt: Sie ringt mit der männerdominierten (Kunst-) Welt und bringt sie in Gestalt einer Schlange ins Bild. Zugleich ermächtigt sie sich damit des weiblichen Aktes. Und sie unterbindet die Referenz an den biblischen Sündenfall. Georg Baselitz dagegen verzichtet in seinem Bild Stilleben (Farbtöpfe) auf die menschliche Gestalt und baut am Ende doch eine Art Selbstporträt: denn was ist der Maler anderes als sein Atelier, seine Pinsel und Farben, die Malerei an sich (und seine Weinflaschen).

Daniel Burens Site-in-situ im Nachbarraum macht aus dem Atelier des Künstlers gleich ein ganzes Haus, oder vielmehr, die Kunst selbst wird hier zum Gebäude: Mit rot-weißem Markisenstoff überzogene Holzrahmen formen eine Architektur in der Architektur. Innen und Außen verschränken sich – und wir sind mittendrin. Die Türen und Fenster fehlen, als Ausschnitte finden wir sie an den Wänden des Ausstellungsraums. Und während man sich noch fragt, ob dies nun Bilder sind, oder doch eher Konstruktionselemente, drängen sich weitere Fragen auf: Wo ist hier die Kunst und wo bin ich? Und wo ist der Künstler? Ganz vereinzelt findet sich Dispersionsfarbe auf dem Stoff: Das ist doch keine Malerei! Oder doch?

Detailansicht von Daniel Burens Site in situ No. 1 (1981) / Detailed view of Daniel Buren's Site in situ No. 1 (1981)
Installationsansicht mit Franz Erhard Walthers OGGI (1963; Vordergrund) und Großer Gelber Kasten (1962/63, Hintergrund)

Im nächsten Raum stellt sich die Frage der Skulptur. Oder auch, wie wird ein Bild zum Objekt? (bzw. umgekehrt). Mit ganz unterschiedlichen Materialien wird plastisch gearbeitet. Manches aus dem Alltag entlehnt und doch ganz neu präsentiert. Bereits 1963 stellt Franz Erhard Walther einen gewöhnlichen Holzstuhl in den Ausstellungsraum – und darauf eine voluminöse Kissenform. Nur handelt es sich hier eben nicht um ein flauschig weiches Objekt, sondern um ein fragiles Ding aus Nessel und Papier, zusammengeklebt, bemalt und aufgeblasen: Platznehmen strengstens verboten!

Überhaupt wird die Kunst gerade da spannend, wo sie mit dem Alltag spielt, das Gewöhnliche auflädt oder verfremdet. Klara Schnieber führt eine Holzleiste durch den Raum. Aus dem gleichen Holz wie Boden und Türdurchgang. Und doch befremdlich, weil sich der Sinn nicht gleich erschließt. Die fehlende Fußbodenleiste animierte sie, eine solche dem Raum hinzuzufügen – aber nicht auf Bodenniveau, sondern weit über Kopf! Der Raum wird gekippt und gedreht. Ein kleiner Eingriff mit großer Wirkung.

Apropos kleiner Eingriff – manchmal muss es dann doch massiv sein: Ulrich Rückriems Block aus Dolomit wiegt ungefähr eine Tonne! Zum Glück kommt er in Teilen und steht dort, wo sich im Kellergeschoss eine Wand befindet: So kommt hier niemand zu Schaden. Aber Rückriem hat seinen Block nicht deshalb gespalten, weil er uns den Aufbau einfacher machen wollte. Es geht ihm vielmehr um die Frage des Ganzen und seiner Teile, um den Prozess der Steinbearbeitung, während dessen der Stein gesägt, gebohrt und gebrochen wird. Indem dieser anschließend wieder zusammengefügt wird, erhält er seine ursprüngliche, geschnittene Form zurück, ist wieder „ganz“ – und doch auch mehr: das Ganze seiner Teile.

  • Ulrich Rückriem, Dolomit, gespalten, 1976  |Frank Gerritz, Temporary Ground. Measure of Things, 2020/21
  • Klara Schnieber, Display, 2025
  • Georg Baselitz, Stilleben (Farbtöpfe), 1969

1| Ulrich Rückriem, Dolomit, gespalten, 1976 & Frank Gerritz, Temporary Ground. Measure of Things, 2020/21 2| Klara Schnieber, Display, 2025 3| Georg Baselitz, Stilleben (Farbtöpfe), 1969

1| Ulrich Rückriem, Dolomit, gespalten, 1976  & Frank Gerritz, Temporary Ground. Measure of Things, 2020/21 2| Klara Schnieber, Display, 2025 3| Georg Baselitz, Stilleben (Farbtöpfe), 1969

Dabei finden sich im Stein und seinen Brechungen lineare Strukturen, die im selben Raum von zeichnerischen Arbeiten gespiegelt werden. Und auch das aufragende Element findet sich in den Radierungen von Barnett Newman und der Graphit-Arbeit von Frank Gerritz wieder, wie auch das menschliche Maß, das trotz aller Strenge eine Bezogenheit auf den menschlichen Körper denkbar werden lässt.

Im letzten Raum unseres Rundgangs schließlich wird dieses Thema der inneren und äußeren Bezüge wieder zurück auf die Wand gebracht. James Reineking spielt in seiner Wandarbeit unterschiedliche Konfigurationen aus Stahlplatten durch, die zusammengenommen immer wieder dasselbe Rechteck ergeben. Und Joanna Pousette-Dart zeigt in ihrer Malerei, wie im Zusammenspiel von Außen- und Innenform eine Malerei entstehen kann, die formal abstrakt und – gerade durch ihre leuchtende Farbigkeit – zugleich voller Licht und Landschaft und Raum sein kann.

Joanna Pousette-Dart, 3 Part Variation #8, 2014, erworben mit Mitteln des Oktogon Circle 2025

Dr. Jörg Daur
Kustos für moderne und zeitgenössische Kunst

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