Wie und wo sich Werefkin in der sie umgebenden, um die Jahrhundertwende durch und durch von Männern geprägten Kunstszene selbst eingeordnet hat, verrät sie im Gemälde „Am Kamin“. Das Bild ist zwar im Gouverneurspalast in Kaunas (Litauen) während eines Besuchs bei ihrem Bruder entstanden, lässt sich aber problemlos auf den von Werefkin in München geführten „Rosa Salon“ übertragen. War doch die Künstlerin, wie von ihrer Zeitgenoss:innen vielfach beschrieben, diejenige, die in ihrem interdisziplinären Diskussionskreis nicht nur die Themen, sondern auch den Ton vorgab — und so tut sie es auch im Bild: Sie präsentiert sich selbstbewusst im Vordergrund und unmissverständlich als Hauptfigur. In einem grünen, mondän eingerichteten Salon sitzt vorn links eine als Werefkin identifizierbare Frau, die mit der Hand beredt ein Thema vorgibt. Die zwei Frackträger zu beiden Seiten des Kamins versuchen zwar, den geäußerten, im Raum schwebenden Gedanken aufzunehmen — der linke Mann führt die Hand zum Mund, der rechte zum Ohr —, dennoch ist offensichtlich: Sie scheinen zum Gespräch nicht wirklich etwas beitragen zu können. Damit drehte Werefkin den Spieß um, indem sie ihrer damaligen Gesellschaft den Spiegel vorhielt: Denn hier ist die Dame im „Herrschaftszimmer“ ausnahmsweise einmal nicht lediglich hübsches Dekor einer intellektuellen Gesprächsrunde. Vielmehr wirken diesmal die aufgeputzten Männer, die sich seitlich des Kamins mit den beiden symmetrisch aufgestellten leeren roten Vasen und der mittigen barocken Uhr dekorativ einreihen, wie hübsches Beiwerk. Damit entpuppt sich das kleine, im ersten Moment unscheinbare Bild als sehr pointierte Gesellschaftskritik.
How and where Werefkin positioned herself within the male-dominated
art world surrounding her at the turn of the century is revealed in the
painting “By the Fireplace.” Although the painting was created at the
Governor’s Palace in Kaunas (Lithuania) during a visit to her brother, it can easily be transposed to the “Rosa Salon” that Werefkin ran in
Munich. After all, as frequently described by her contemporaries, the
artist was the one who set not only the topics but also the tone in her
interdisciplinary discussion group — and she does the same in the
painting: She presents herself confidently in the foreground and unmistakably
as the central figure. In a green, elegantly furnished salon, a woman
identifiable as Werefkin sits in the front left, eloquently introducing a
topic with a gesture of her hand. The two men in tailcoats on either
side of the fireplace do attempt to take in the idea that has been
voiced and is now hanging in the air — the man on the left raises his
hand to his mouth, the one on the right to his ear — yet it is obvious:
they do not seem to be able to contribute anything substantial to the
conversation. In this way, Werefkin turned the tables by holding up a
mirror to the society of her time: for here, for once, the lady in the
“master’s room” is not merely a pretty decoration in an intellectual
conversation circle. Rather, this time it is the dapper men — arranged
decoratively on either side of the fireplace alongside the two
symmetrically placed empty red vases and the Baroque clock in the center — who appear as mere pretty accessories. Thus, the small painting, which at first glance seems unremarkable, turns out to be a very pointed
social critique.
In dem großen, im Münter-Haus entstandenen Bild „Kandinsky und Erma Bossi am Tisch“, befindet sich der Mitbegründer des Blauen Reiters, der durch seinen blauen Janker klar hervorgehoben ist, tonangebend in einem Zwiegespräch. Bossi, die zwischen 1908 und 1912 das Paar Kandinsky/Münter des Öfteren in Murnau besuchte und auf allen drei Ausstellungen der NKVM vertreten war, scheint reglos gegenüber dem mit prophetischer Geste dozierenden Kandinsky. Mehr noch: Münter lässt Bossi als Gesprächspartnerin mit ihren schwarzen Haaren, ihrer weißen Bluse und ihrem dunkelgrauen Rock nahezu gänzlich im gleichfarbig angelegten Hintergrund „verschwinden“, während sie Kandinsky unangefochten ins Zentrum ihrer Bildkomposition rückt. Was bislang noch nicht beachtet wurde, ist, dass der kompositorisch wichtige Stuhl leer ist, so als ob jemand fehlen würde. Münter hat damit gewiss ihren Platz an der Seite Kandinskys impliziert. Damit ist sie demonstrativ anwesend, ohne wirklich sichtbar zu sein.
Das künstlerische Kräfteverhältnis neu zu ordnen, mehr Eigenständigkeit zu erlangen, sich die eigenen Leistungen vor Augen zu führen, das scheint Münter umgetrieben zu haben — nicht einfach, bei einer derart dominanten Persönlichkeit des Partners, zumal sich die Beziehung aus einem Lehrer-Schülerinnen-Verhältnis heraus entwickelt hatte. So mag es eine Selbstbehauptungsstrategie gewesen sein, sich ab und an Kandinskys Predigten zu entziehen, indem man schlicht ein Stück zurücktritt, um sich aus einem gewissen Abstand heraus vor Augen zu führen, wie wenig Raum zum Atmen Künstlerinnen in ihrem männlich dominierten gesellschaftlichen Umfeld oftmals blieb. Dies zwischen den Zeilen in einem Bild sichtbar zu machen, ist nicht nur hochaktuell, sondern auch große Kunst.
In the large painting “Kandinsky and Erma Bossi at the Table, ” created at the Münter House, the co-founder of the Blue Rider — clearly distinguished by his blue janker (a traditional jacket) — takes the lead in a conversation. Bossi, who frequently visited the Kandinsky/Münter couple in Murnau between 1908 and 1912 and was represented at all three NKVM exhibitions, appears motionless in contrast to Kandinsky, who is lecturing with a prophetic gesture. Moreover, Münter makes Bossi — with her black hair, white blouse, and dark gray skirt — “disappear” almost entirely into the background, which is rendered in the same color scheme, while she unquestionably places Kandinsky at the center of her pictorial composition. What has not yet been noted is that the chair — which plays an important role in the composition — is empty, as if someone were missing. Münter has thus certainly implied her place at Kandinsky’s side. In this way, she is demonstratively present without actually being visible. Redefining the artistic balance of power, gaining more independence, and recognizing her own achievements — these seem to have been what drove Münter — no easy task given her partner’s overwhelmingly dominant personality, especially since the relationship had developed out of a teacher-student dynamic. It may therefore have been a strategy of self-assertion to occasionally withdraw from Kandinsky’s lectures by simply taking a step back, in order to see from a certain distance just how little breathing room female artists often had in their male-dominated social environment. Making this visible between the lines in a painting about a “hero” is not only highly relevant today but also great art.
Marianne von Werefkin schuf dieses programmatische Selbstbildnis exakt zwischen den beiden Gründungen der von ihr initiierten Neuen Künstlervereinigung München (1909) und des Blauen Reiter (1911). Darin zeigt sie sich sehr wach, ungemein aufrecht und ausgesprochen geheimnisvoll. Doch es birgt noch mehr: Die Künstlerin bringt darin neben ihrer starken Persönlichkeit zum Ausdruck, worin ihr Anteil zum Durchbruch des Expressionismus in Deutschland bestand. Ihre roten, fast heiß glühend wirkenden Augen künden so verzaubernd wie betörend von unfassbarer, flirrender Inspiration. Sie treffen die Betrachtenden direkt und hypnotisierend ins Mark — damals genauso wie heute. Ein jedes Gegenüber muss sich positionieren und, steht man dem Bild gegenüber, arbeitet man automatisch an seiner eigenen Haltung. Bequemlichkeit oder, anders formuliert, das Sich-Einrichten im Bestehenden, war Werefkins Sache nicht — das zeigt das Charakterporträt sehr eindrücklich. Vielmehr ist ihr Modus Operandi das fortwährende Anecken, Aufreiben und Anstoßen ihres Umfelds.
Menschen zusammenzubringen und durch kreatives Vernetzen einen fruchtbaren Nährboden für Neuerungen zu ermöglichen, war Werefkins erklärtes Ziel. Gustav Pauli beschreibt genau das in seinen Erinnerungen: „In dieser Welt [der progressiven anti-akademischen Kunstszene], der übrigens so wertvolle Künstler wie der im ersten Kriegsjahr gefallene Franz Marc angehörten, bildete der Salon der Baronin Werefkin einen Mittelpunkt. […] Das Zentrum, gewissermaßen die Sendestelle der fast physisch spürbaren Kräftewellen, war die Baronin. Die zierlich gebaute Frau mit den großen dunklen Augen, den vollen roten Lippen und der infolge eines Jagdunfalls verkrüppelten linken Hand beherrschte nicht nur die Unterhaltung, sondern ihre ganze Umgebung.“
Marianne von Werefkin created this programmatic self-portrait exactly between the two founding events of the New Artists’ Association of Munich (1909) and the Blue Rider (1911), both of which she initiated. In it, she appears very alert, exceptionally upright, and decidedly mysterious. But there is more to it: in addition to her strong personality, the artist expresses here what her contribution to the breakthrough of Expressionism in Germany consisted of. Her red eyes, which seem almost to glow with heat, speak as enchantingly as they do beguilingly of an incomprehensible, shimmering inspiration. They strike the viewer directly and hypnotically to the core — then just as much as today. Anyone standing before it must take a stance, and when facing the painting, one automatically adjusts one’s own posture. Comfort — or, to put it another way, settling into the status quo – was not Werefkin’s style; this character portrait illustrates that very impressively. Rather, her modus operandi is to constantly challenge, fray, and provoke those around her.
Werefkin’s stated goal was to bring people together and, through creative networking, foster a fertile ground for innovation. Gustav Pauli describes exactly that in his memoirs: “In this world [of the progressive, anti-academic art scene] — which, incidentally, included such valuable artists as Franz Marc, who was killed in action during the first year of the war — Baroness Werefkin’s salon served as a focal point. […] The center – in a sense, the source of the almost physically palpable waves of energy — was the Baroness. The petite woman with the large dark eyes, full red lips, and a left hand crippled as a result of a hunting accident commanded not only the conversation but her entire surroundings.”
Marianne von Werefkin hat nicht nur früher als ihre Kollegenschaft die Parole „Die Zukunft der Kunst ist die emotionale Kunst“ für sich erkannt, sondern auch Themenfelder in den Umkreis des Blauen Reiter eingebracht, die von anderen nicht behandelt wurden — Themenfelder, die auch heute von höchster Aktualität sind. Einer ihrer Grundüberzeugungen war es, dass der Mensch gezwungen ist, sein ganzes Leben eine Rolle auszufüllen. Diese wird schon in der Schule und im Pensionat (siehe nebenan) für die Mädchen von klein auf festgelegt. So werden sie in die passende „Form“ gepresst, die die männliche geprägte Gesellschaft später von ihnen erwartet. Einerseits legt sie den Finger darauf und zeigt uns, wie die Welt funktioniert, andererseits gibt es einige Werke, in welchen sie noch einen Schritt weiter geht und unumstößlich erscheinende Rollenklischees zu hinterfragen scheint. So changiert das Porträt vom Tänzer Sacharow zwischen männlich und weiblich. Sie selbst schrieb 1905 in ihrem Tagebuch: „Ich bin nicht Mann, ich bin nicht Frau, ich bin Ich.“
Mit Werefkins einsamer, hoch über uns im Zirkusdach befindlichen, stark geschminkten Trapezkünstlerin scheint es doch möglich, abseits der Welt ihre ihr zugedachte mädchenhafte Rolle nachdenklich zu reflektieren. Und Körper in unterschiedlichen Formen und Bewegungen, jenseits eines einheitlichen Ideals, scheint es nur bei Werefkins Tänzerinnen geben zu können. Künstler wie Kirchner oder Pechstein hingegen zeigen sie immer gleich schlank und gleich gestaltet. Kurz: Werefkin lässt zu oder ermutigt sogar, festgeklopfte Rollen zu hinterfragen und zu überwinden.
Marianne von Werefkin not only embraced the motto “The future of art is emotional art” earlier than her peers, but also introduced themes into the Blue Rider circle that others had not addressed —themes that remain highly relevant even today. One of her fundamental beliefs was that people are forced to play a role throughout their lives. For girls, this role is determined from an early age, even in school and boarding school (see opposite). In this way, they are molded into the appropriate “form” that a male-dominated society later expects of them. On the one hand, she pinpoints this and shows us how the world works; on the other hand, there are some works in which she goes a step further and seems to question role stereotypes that appear unshakable. Thus, the androgynous portrait of the dancer Sakharoff oscillates between masculine and feminine. Yet both sides are always present. She herself wrote in her diary in 1905: “I am not a man, I am not a woman, I am myself.” Or, with Werefkin’s solitary, heavily made-up trapeze artist — perched high above us on the circus roof — it does seem possible to thoughtfully reflect on the girlish role assigned to her, removed from the world around her. It seems that only Werefkin depicts bodies in their different forms and movements, beyond the confines of a single, uniform ideal. Artists like Kirchner or Pechstein, on the other hand, always depict them as equally slender and uniformly proportioned. In short: Werefkin allows — or even encourages — the questioning and overcoming of established roles.
Ein bislang wenig bekanntes, vor dem Ersten Weltkrieg entstandenes Gemälde von Marianne von Werefkin lässt im Kontext einer Neubewertung der Künstlerinnen im Umkreis des Blauen Reiter tief blicken. Zum einen, weil es allgemein die den Frauen zugedachte „Nebenrolle“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr präzise zur Anschauung bringt. Zum anderen verrät es zugleich aus einer neuen, aktuellen Perspektive, dass sich die Künstlerinnen selbst wohl sehr bewusst waren über ihren Beitrag zum Entstehen der Moderne, allerdings dem gesellschaftlichen Normengefüge, das ihren Ambitionen entgegenstand, nicht entrinnen konnten. Sie blieben hinter den tonangebenden Künstlern nahezu unsichtbar: So stecken ganz vorn „Am Blumenbeet“, das aus sorgsam aufgereihten, voll erblühten Tulpen besteht, zwei Männer im nahen Beieinander ihre groben Köpfe zusammen, als besprächen sie „unter sich“ gewichtige Dinge, während hinten eine Frau um die gepflegte Parkanlage Sorge trägt und buchstäblich „Kehr“-Arbeit leistet. Genau genommen, so suggeriert es Werefkin, ist von der im Hintergrund arbeitenden, gleichsam unbeachteten Frau der fruchtbare Boden, auf dem irgendetwas zu erblühen vermag, überhaupt erst bereitet worden. Ihr Beitrag aber bleibt gemeinhin unbemerkt.
Betrachtet man nun die im Park angeordneten unbelaubten Bäume, so markieren sie eine Rangfolge. Durch die Figurenverteilung zwischen diesen wird deutlich, wie das entsprechende System organisiert ist – und zwar klar männlich zentriert. Werefkin macht das sichtbar, ohne es uns mit erhobenem Zeigefinger vorzuführen.
A previously little-known painting by Marianne von Werefkin, created before World War I, offers profound insight in the context of a reassessment of the female artists associated with the Blue Rider group. On the one hand, because it very precisely illustrates the “secondary role” generally assigned to women at the beginning of the 20th century. On the other hand, it also reveals — from a new, contemporary perspective — that the female artists themselves were likely very aware of their contribution to the emergence of Modernism, yet were unable to escape the social norms that stood in the way of their ambitions.
They remained virtually invisible behind the leading male artists: in the foreground of “By the Flower Bed”—which consists of carefully arranged, fully blooming tulips, two men stand close together, their rough heads bent in consultation, as if discussing weighty matters “among themselves, ” while in the background a woman tends to the well-manicured park and literally does the sweeping. Strictly speaking, as Werefkin suggests, it is the woman working in the background — virtually unnoticed — who has prepared the fertile ground in the first place, allowing something to blossom at all. Her contribution, however, generally goes unnoticed.
If we now look at the leafless trees arranged in the park, they mark a hierarchy. The distribution of the figures among them makes it clear how the system in question is organized — and it is clearly male-centered. Werefkin makes this visible without lecturing us or being overly didactic about it
Bei der „Schindelfabrik“ von Marianne von Werefkin handelt es sich um ein Hauptwerk der Künstlerin. Alles, was ihre künstlerische Auffassung ausmacht, scheint darin zu kulminieren: Schon 1910 sind alle entscheidenden Eigenheiten, die ihr Werk bis zu ihrem Lebensende charakterisieren sollten, ausgebildet und wie in einem Schmelztiegel zusammengeführt: Dazu gehören die ihrer gesamten Bildwelt zugrunde liegende bedrückende, düstere Grundstimmung, das Andeuten von Geschichten, die die Betrachtenden „weiterspinnen“, quasi im Geiste fortführen und „ausmalen“ können, und eine gewisse wohltuende Naivität in der Schilderung der dargestellten Figuren wie überhaupt ein märchen- und traumhafter Charakter der von ihr erfundenen Szenerien.
In diesem Fall ist es eine Schindelfabrik in Oberau in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen, vor der ein wie von unsichtbarer Hand marionettenartig gelenkt wirkender Arbeiter rechts unten im Bild steht. Unheimlich wird die Szenerie aber vor allem durch den Umstand, dass alle Eingänge und Fensteröffnungen zum Gebäude verbarrikadiert sind und die Fabrik insgesamt von einer steilaufragenden, bedrohlich wirkenden Bergkulisse hinterfangen ist. Der Berg selbst wird durch den Schornstein zum Vulkan, der jederzeit ausbrechen könnte. Der Mensch, der hier arbeitet, lebt oder leben muss, ist nicht sicher.
Marianne von Werefkin’s “Shingle Factory” is one of the artist’s major works. Everything that defines her artistic vision seems to culminate in it: As early as 1910, all the defining characteristics that would mark her work until the end of her life were already fully formed and brought together as if in a melting pot: these include the oppressive, somber underlying mood that permeates her entire visual world; the hinting at stories that the viewer can “spin out further” — essentially continuing and “filling in the details” in their mind; and a certain soothing naivety in the depiction of the figures, as well as the fairy-tale-like and dreamlike character of the scenes she invented.
In this case, it is a shingle factory in Oberau near Garmisch-Partenkirchen, in front of which a worker — seeming to be controlled like a marionette by an invisible hand — stands in the lower right corner of the picture. What makes the scene particularly eerie, however, is the fact that all entrances and windows to the building are barricaded, and the factory as a whole is set against a backdrop of steep, towering, menacing mountains. The mountain itself, with its chimney, becomes a volcano that could erupt at any moment. The person who works, lives, or is forced to live here is not safe.
Während alle Kolleginnen und Kollegen Werefkins narrative Bildelemente immer mehr auszuklammern oder zu unterdrücken versuchten, ist sie von Beginn an eine leidenschaftliche Erzählerin und bleibt es bis zu ihren letzten Arbeiten um 1935. Dies ist sie deshalb immer geblieben, weil es ihr wichtig war, Inhalte zu vermitteln, die ohne Narrativ für sie hätten nicht transportiert werden können. So wird von ihr häufig das existenzielle „Hamsterrad“ der Arbeit thematisiert — wie Frauen die sehr mühsame Wäsche- und Sorgearbeit bewerkstelligen und Männer fortwährend in triste Fabriken zu gehen haben. In der letzten Werkphase lassen sich zudem viele Arbeiten finden, die aufgrund motivischer, inhaltlicher oder kompositorischer Bezüge ein zweites Bild zu ergänzen scheinen. Ein Beispiel hierfür ist das Gemälde „Masken aus dem Dorf“, das Werefkin 1925 schuf. Fünf Jahre später, um 1930 ⁄ 31 malte sie mit „Aschermittwoch“ das größengleiche Gegenstück. Zogen zunächst bei untergehender Sonne die maskierten kräftigbunten Jecken in abendländischer Leserichtung von links nach rechts zwischen verschneiten Bäumen hindurch in die Fastnacht hinein, ist am „Aschermittwoch“ der Kater groß und der erwartungsvolle Spuk vorbei. Die Masken sind gefallen und man kehrt in halb so bunter Kleidung und kalt-grauer Morgendämmerung — nun gegen die Leserichtung von rechts nach links — ziemlich ernüchtert zurück, als hätte man von der Fastnacht oder (im größeren Kontext) vom Leben mehr erwartet, als man bekommen hat. Aus dem beeindruckenden gemeinschaftlichen Karnevalszug ist am Ende ein bedauernswertes Häuflein allein für sich dahintrippelnder Figuren geworden. Bleibt noch die Frage, ob es Zufall ist, dass die desillusioniert-frierenden Gestalten im „Aschermittwoch“-Bild nur Frauen sind?
While all of Werefkin’s colleagues increasingly sought to exclude or suppress narrative elements in their work, she was a passionate storyteller from the very beginning and remained so until her final works around 1935. She did so because it was important to her to convey content that, without a narrative, she felt could not have been effectively communicated. Thus, she frequently addressed the existential “hamster wheel” of work — how women manage the arduous tasks of laundry and caregiving, while men are constantly forced to go to dreary factories.
In the final phase of her career, there are also many works that, due to thematic, content-related, or compositional connections, seem to complement a second painting. One example of this is the painting “Masks of the Village, ” which Werefkin created in 1925. Five years later, around 1930 ⁄ 31, she painted “Ash Wednesday, ” a counterpart of the same size.
While at first, as the sun set, the masked, vibrantly colored revelers paraded from left to right — in the Western reading direction — through snow-covered trees into the heart of Carnival, by “Ash Wednesday” the aftermath is sobering and the anticipation-filled revelry is over. The masks have come off, and people return — in half as colorful attire and amid the cold, gray dawn — now moving against the reader’s direction from right to left — feeling rather disillusioned, as if they had expected more from Carnival or (in the broader context) from life than they actually received. In the end, the impressive communal carnival parade has turned into a pitiful little group of figures shuffling along on their own. The question remains: is it a coincidence that the disillusioned, shivering figures in the “Ash Wednesday” image are all women?
Am Beispiel von Erma Bossis „Selbstporträt“ offenbart sich die verengte Rezeption seit 1945. Weil Erma Bossi von den Kunsthistorikern lange Zeit nie ernsthaft als Künstlerin in das weitere Umfeld des Blauen Reiter miteinbezogen wurde, ist nicht aufgefallen, dass das Bildnis bis heute einen falschen Titel trug. Das Gemälde wurde 1970 bei der Katalogisierung der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung fälschlich als „Bildnis Marianne von Werefkin“ verzeichnet und ist seitdem als solches zur festen Größe geworden. Dieser über viele Jahrzehnte Ausstellungsgeschichte zementierte Bildtitel wurde nie hinterfragt. Zum einen natürlich, weil Erma Bossi nie richtig erforscht wurde, zum anderen, weil das Bild durch die vermeintlich dargestellte Werefkin sehr populär war. Das passte einfach zu schön: Die Erzählung von der wiedergegebenen „Gesellschaftsdame Werefkin“, die den „Rosa Salon“ betrieb, wurde unglaublich gerne mit dem Bildnis in den Ausstellungen untermauert. Dass die jung wirkende Dargestellte in dem noch relativ realistischen, aus dem Jugendstil kommenden Gemälde keine Porträtähnlichkeit mit der 1909 bereits 50-jährigen Werefkin aufwies, störte niemanden.
Zweifel kamen erst 2013 auf, als Dr. Sandra Uhrig im Schloßmuseum Murnau zu Erma Bossi forschte. Aber noch in der Ausstellung „Lebensmenschen — Jawlensky & Werefkin“ (2020) prangte der falsche Titel auf dem Labelschild. Bossi wird jedoch seit kurzem als fester Bestandteil des Blauen Reiter-Kreises erachtet und im Zuge dieser Neubewertung wurde ihr Werk erneut beleuchtet. In Absprache mit Dr. Sandra Uhrig, der Münter-und Eichner-Stiftung sowie dem Lenbachhaus München änderte man den Titel in „Selbstbildnis“ — ein aufgetauchtes zeitgleiches Foto von Erma Bossi machte dies unumgänglich.
The example of Erma Bossi’s “Self-Portrait” reveals the narrow scope of its reception since 1945. Because art historians for a long time never seriously considered Erma Bossi as an artist within the broader circle of the Blue Rider, it went unnoticed that the portrait had been given the wrong title and continued to bear it to this day. The painting was presumably mistakenly listed as “Portrait of Marianne von Werefkin” in 1970 during the cataloging of the Gabriele Münter and Johannes Eichner Foundation and has since become firmly established under that title. This title, cemented over many decades of exhibition history, was never questioned. First, of course, because Erma Bossi was never properly researched, and second, because the painting was very popular due to the supposed depiction of Werefkin. It simply fit too perfectly: the narrative of the “society lady Werefkin” who ran the “Rosa Salon” was all too readily reinforced by the portrait in exhibitions. The fact that the young-looking subject in the still relatively realistic Art Nouveau-inspired painting bore no resemblance to Werefkin, who was already 50 years old in 1909, did not bother anyone. Doubts did not arise until 2013, as Dr. Sandra Uhrig researched Erma Bossi. But even in the exhibition “Lebensmenschen — Jawlensky & Werefkin” (2020), the incorrect title was still prominently displayed on the label. Bossi has, however, recently come to be regarded as an integral part of the Blue Rider circle, and in the wake of this reassessment, her work has been reexamined. In consultation with Dr. Sandra Uhrig, the Münter and Eichner Foundation, and the Lenbachhaus Munich, the title was changed to “Self-Portrait” — a newly discovered photograph of Erma Bossi from the same period made this change unavoidable.
Elisabeth Macke charakterisierte die Malerin Marianne von Werefkin und deren Lebensgemeinschaft mit dem vier Jahre jüngeren Alexej von Jawlensky in der Giselastraße München-Schwabing nach einem Besuch im Jahr 1911 folgendermaßen: „Sie war eine ungemein temperamentvolle, starke Persönlichkeit, voll revolutionären Geistes gegen alles Laue und Ängstliche. Wir sahen sie zuerst, als wir in Jawlenskys Atelier eintraten […], eine schmale hochgewachsene Gestalt mit knallroter Bluse, einem dunklen Rock und schwarzem Lackgürtel, im Haar eine breite Taftschleife. […] Sie lebten damals in großer Freundschaft miteinander, sie hatten wohl auch die Geldmittel, die zu dem unbekümmerten Künstlerleben nötig waren, aber sie hatte auch die Herrschaft im Hause, sie bestimmte und nach ihrem Willen musste alles gehen.“ Im Gemälde selbst wirkt die Künstlerin jedoch weniger selbstbewusst als von ihr beschrieben. Dies liegt zum einen daran, dass man sich auf gleicher Höhe mit der Dargestellten befindet, die uns mit selbstvergessenem Blick gegenübersitzt, zum anderen mildert aber auch der an van Gogh erinnernde pastose Pinselduktus, der viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, den Eindruck der allzu bestimmenden Persönlichkeit. Das Porträt hat Jawlensky in dem Jahr gemalt, in dem Werefkin nach einer zehnjährigen Schaffenspause wieder begann zu malen.
Elisabeth Macke described the artist Marianne von Werefkin and her partnership with the four-year younger Alexej von Jawlensky after visiting them in their shared residence in Giselastraße in Munich’s Schwabing quarter in 1911: “She was an exceptionally temperamental, strong character, full of revolutionary spirit against everything tepid and fearful. For the first time, as we entered Jawlensky’s atelier […], a thin, towering figure wearing a bright red blouse, a dark-colored skirt and black patent leather belt; in her hair, a wide taffeta bow. […] At the time the two lived together in an intimate friendship; they had the financial means necessary for a carefree artist’s life, but she was the one who ruled the household, she made the decisions and everything had to go according to her wishes.” In this portrait, however, the artist appears less self-assured than in Macke’s description of her. The impression derives, in part, from the viewer’s equal footing with the figure in the portrait, who sits across from us at eye level, with an absent-minded gaze. The figure of this powerful character is also softened by the van Gogh-like brush technique, which draws the viewers’ attention. Jawlensky painted the portrait of Werefkin the same year she began to paint again after a ten-year hiatus.
Gabriele Münter wurde lange unterschätzt. Die Nachkriegsforschung reduzierte ihr Werk vor allem auf ihre Zeit mit Wassily Kandinsky zwischen 1907 und 1914. Und in der Tat sind in jenen Jahren Bilder entstanden, die die freie Malerei feiern und ihresgleichen suchen. Dass man der Malerin aber später (hinter vorgehaltener Hand) vorgeworfen hat, ihren Stil verändert zu haben, nur weil sie in den 1920er-Jahren trockener und nüchterner malte, ist mehr als nur ungerecht. Denn Gabriele Münter hatte damit schlicht den Finger am Puls der Zeit: Die Neue Sachlichkeit hielt nämlich mit aller Macht Einzug und auch Münter interessierte — etwa mit der „Gärtnerei Mederer“ — das Themenfeld „Arbeit“ oder malte Bilder wie „Aufgehender Mond“, das zwischen kühler Klarheit und romantischer Schwärmerei changiert und damit ein stückweit dem Mystischen Realismus nahesteht.
Es wurde noch bis vor kurzem immer wieder zwischen den Zeilen propagiert, dass in dem Moment, als Kandinsky sich von Münter getrennt hatte und damit ihr kreativer „Sidekick“ verschwunden war, die Künstlerin ihren Zenit überschritten hätte. Als Kandinsky nicht zuletzt durch seine Beteiligung am Bauhaus in Weimar ebenfalls seinen Stil veränderte und, wenn man so möchte, ebenfalls nüchterner geworden ist — nur eben „abstrakt-geometrisch“ und nicht „neusachlich“ —, wurde ihm das nicht vorgeworfen, sondern als genial und völlig logische Entwicklung ausgelegt. Erklären lässt sich dies, neben dem, dass die kunsthistorische Forschung vornehmlich von Männern betrieben wurde, damit, dass als diese „Münter-Erzählung“ ab den 1950er-Jahren so festgelegt und kanonisiert wurde, in der westlichen Kunst die neue Sachlichkeit „out“ war, der abstrakte Expressionismus 1945 nach der „Stunde Null“ aber Hochkonjunktur hatte.
Gabriele Münter was long underappreciated. Postwar scholarship tended to reduce her oeuvre primarily to her time with Wassily Kandinsky between 1907 and 1914. And indeed, during those years she created paintings that celebrate free expression and are unparalleled. However, the fact that the painter was later (behind her back) accused of having changed her style, simply because she painted in a drier, more “sober” manner in the 1920s, is more than just unfair. For Gabriele Münter was simply keeping her finger on the pulse of the times: New Objectivity was making a powerful entrance, and Münter, too — as seen in works such as “At the Mederer (?) Nursery in Murnau” — was interested in the theme of “work, ” or painted works like “Rising Moon, ” which oscillates between cool clarity and romantic rapture and thus comes somewhat close to Mystical Realism.
Until recently, it was repeatedly implied that the moment Kandinsky parted ways with Münter, and her creative “sidekick” was thus gone, the artist had passed her peak. When Kandinsky, not least due to his involvement with the Bauhaus in Weimar, also changed his style and — if you will — became more restrained as well — only in an “abstract-geometric” rather than a “New Objectivity” manner — he was not criticized for this, but rather it was interpreted as a brilliant and entirely logical development. This can be explained not only by the fact that art-historical research was primarily conducted by men, but also by the fact that, once this “Münter narrative” had become established and canonical in the 1950s, while in Western art, New Objectivity was “out, ” and Abstract Expressionism was booming in 1945 following the “Zero hour.”
Wenn Münter „Jawlensky und Werefkin“ zusammen als Paar auf einem Wiesenhang zeigt, wird unmittelbar anschaulich, wie konträr die beiden „Lebensmenschen“ gewesen sein müssen. Während er die Ruhephase nutzt, um abzuschalten und den Moment zu genießen — vermutlich zerreibt er gerade einen Grashalm zwischen seinen Fingern —, sitzt sie mit erhobenem Haupt sehr aufrecht in der Wiese. Beides erscheint in diesem beschwingten Bild Münters als Einheit im gleichwertigen Nebeneinander: elektrisierende Aktion und reaktivierender Müßiggang. Wahrscheinlich noch am selben Tag porträtierte Münter Werefkin sogar noch einmal als Einzelperson im großen Format vor dem maisgelben Sockel ihres Hauses. Wie kurz zuvor auf der Wiese trägt Werefkin noch immer dasselbe weiße Kleid, denselben ausladenden Hut, auf dem (wie sie sich nachträglich erinnerte) „allerhand Dinge Platz hatten“, und denselben pinken Schal — jetzt jedoch elegant um den Hals geschlungen, nicht mehr wie zuvor zusammengeknüllt auf ihrem Schoß. Mit diesem souveränen Einzelporträt hat Münter der sie beeindruckenden, vielleicht sogar ein wenig einschüchternden Werefkin ein durch und durch positives Denkmal gesetzt. Deren Kopf sitzt gleichsam auf einem malerischen Sockel und alle, selbst die ausführende Künstlerin, müssen bewundernd zu ihr aufsehen. Von oben fixiert uns die wie ein Leuchtturm wirkende Werefkin mit durchdringendem Blick. Dabei — und darin liegt das Faszinosum dieses ungeheuren Porträts — kommen wir ihr sehr nahe, und doch bleibt gleichzeitig ein großer, schier unüberbrückbarer Abstand. Das wiederum deckt sich mit einer Beschreibung Gustav Paulis, der feststellte, dass „[…] die Baronin ihre zumeist jüngeren Landsleute zu einer hingebenden Freundschaft reizte, indem sie sich ihnen zugleich entzog.“
When Münter depicts “Jawlensky and Werefkin” together as a couple on a grassy slope, it immediately becomes clear just how different these two “soulmates” must have been. While he uses this moment of rest to unwind and enjoy the moment — he is presumably just rubbing a blade of grass between his fingers — she sits very upright in the meadow with her head held high. In this lively painting by Münter, both appear as a unified whole in an equal juxtaposition: electrifying action and rejuvenating idleness. Probably on the very same day, Münter even painted another large-format portrait of Werefkin alone, set against the corn-yellow base of her house. Just as she had moments earlier in the meadow, Werefkin is still wearing the same white dress, the same wide-brimmed hat — on which (as she later recalled) “all sorts of things found a place” — and the same pink scarf — now, however, elegantly draped around her neck, no longer crumpled on her lap as before. With this masterful individual portrait, Münter has created a thoroughly positive tribute to Werefkin, a woman who impressed her — and perhaps even intimidated her a little. Werefkin’s head rests, as it were, on a picturesque pedestal, and everyone — even the artist herself — must look up at her in admiration. From above, Werefkin, who seems like a lighthouse, fixes us with a piercing gaze. Yet — and herein lies the fascination of this extraordinary portrait — we come very close to her, and yet at the same time a great, almost insurmountable distance remains. This, in turn, aligns with a description by Gustav Pauli, who noted that “[…] the baroness inspired a devoted friendship in her mostly younger compatriots by simultaneously keeping them at a distance.”
Die vielseitige Malerin, Weberin und Illustratorin Maria Franck-Marc scheint im ersten Moment mit ihren Themen das Klischee der „Frauenkunst“ zu erfüllen. Und sie malte ja tatsächlich am liebsten Blumen, Kinder oder Heiligenbilder und webte am Ende sogar noch Teppiche — alles „Frauenkunst“ schlechthin. Hat man sich aber ein wenig in ihre Bildwelt eingesehen, bemerkt man sehr schnell, dass sie diese Klischees nahezu ständig subtil unterläuft. Das bedeutet, dass sie sich der Gefahr bewusst war, als eine Künstlerin abgestempelt zu werden, die „typische Frauenthemen zum bloßen Zeitvertreib“ malt, wie derlei Werke sehr schnell und stets verallgemeinernd abgetan wurden.
Ihre Blumen sind jedoch entweder stachlig (und also nicht nur schön) oder nur schön, aber gleichzeitig wuchernddistanzlos; ebenso wirken ihre Kinder einerseits ungelenk, nahezu versehrt, andererseits zeigt sie uns, dass schon die Mädchen spielerisch ihre spätere Rolle lernen: sich um die Kinder zu kümmern. Und ihr himmlisches Konzert bei den „Heiligen Drei Königen“ ist so mit Pathos überladen, dass die Hölle um die Ecke auf uns warten muss, wenn wir das Bild zu lange ansehen. Selbst ihre Schafe schauen keck mit Lippenstift und Häubchen als essbares Osterlamm oder tanzen zusammen in aller Seelenruhe, als wäre es das normalste auf der Welt, Walzer.
Gemein ist all den Werken, dass ihnen (nachdem man die Bilder fast schon als „Frauenkunst“ abgestempelt hatte) auf den zweiten Blick stets etwas Schräges anhaftet, das die vordergründige Harmonie stört. Als ob Maria Franck-Marc absichtlich alles Schöne bis an eine Grenze und darüber hinaus trieb. Und vielleicht war es genau das, was sie reizte: Klischees in die höchsten Höhen zu treiben, um diese schließlich auf der Spitze zu kippen.
At first glance, the versatile painter, weaver, and illustrator Maria Franck-Marc seems to embody the cliché of “women’s art” with her subject matter. And indeed, she did prefer to paint flowers, children, or images of saints, and eventually even wove tapestries — all quintessential examples of “women’s art.” However, once you delve a little deeper into her visual world, you quickly realize that she almost constantly and subtly subverts these clichés through her art. This means that she was aware of the danger of being labeled as an artist who — according to the common accusation — paints “typical women’s subjects merely as a pastime, ” as such works were very quickly and invariably dismissed and judged in a generalized manner.
Her flowers, however, are either prickly (and thus not classically beautiful) or merely pleasing to the eye. At the same time, they are overgrown and intrusive; likewise, her children appear awkward, almost physically impaired, while she shows us that girls learn their future role from an early age through play: caring for children. And her heavenly concert in “Three Wise Men” is so overloaded with pathos that hell must be waiting just around the corner for us if we look at the painting for too long. Even her sheep look cheeky with lipstick and bonnets, like edible Easter lambs, or dance together in perfect serenity, as if waltzing were the most normal thing in the world.
What all these works have in common is that (after the paintings had almost been labeled “women’s art”) upon second glance, there is always something off about them — something that disrupts the superficial harmony. As if Maria Franck-Marc deliberately pushed everything beautiful to the limit and beyond. And perhaps that was precisely what appealed to her: pushing clichés to the highest heights, only to ultimately overturn them at the very peak.
Maria Franck-Marc war zeit ihres Lebens neugierig und experimentell: Sie begann mit realistischer Malerei in der Berliner Königlichen Kunstschule, kam in Worpswede zu Otto Modersohn und bildete sich an der Berliner Damen-Akademie zur Illustratorin weiter. In München wandelte sie sich im Umfeld des Blauen Reiter kurz vor dem Ersten Weltkrieg zur expressiven Malerin. Eine Eigenheit, die sie gemeinsam mit Münter in die Gruppe einbrachte, war ihre hier und da aufblitzende ironische Auffassung, die den pathetischeren Künstlern innerhalb des Blauen Reiter fremd gewesen ist.
„Ich war so fleißig heut bei meiner Stickerei und konnte so gut üben […], “ schrieb Maria Franck-Marc 1915 aus Ried an ihren Mann, der als Soldat an der Westfront diente und nur kurz darauf fallen sollte. Es ist der Moment, in dem sie eine neue Technik erprobte und die bald (nach mehreren Aufenthalten am Bauhaus in Weimar und Dessau) zum Teppichweben führte. Es entstanden zeitgemäße prismatisch gebrochene, konstruktiv wirkende Webereien. Überraschend ist der völlig gegenstandslose Teppich „Schwarze Linie“, den sie mit etwa 75 Jahren schuf. Erneut hatte sie den Finger am Puls der Zeit, weil sich der Teppich problemlos mit zeitgleichen Arbeiten etwa von Fritz Winter vergleichen lässt. Aber eigentlich war sie ihrer Zeit voraus: Mit den absichtsvoll offengelassenen, unverknüpften Stellen oben rechts und links der Mitte vermag die Wand hinter dem Teppich irritierend weiß „durchzublitzen“ — fast wie bei Lucio Fontana, der ab 1958 seine Leinwände („Tagli“) mit dem Messer aufschlitzte, um den bis dahin geschlossenen Bildraum mit der Dimension des realen Raums verschmelzen zu lassen. Möglicherweise präsentierte die renommierte „Moderne Galerie Otto Stangl“ wegen dieser radikalen Modernität die Ausstellung „Maria Marc Wandteppiche“.
Throughout her life, Maria Franck-Marc was curious and experimental: she began with realistic painting at the Royal Academy of Fine Arts in Berlin, studied under Otto Modersohn in Worpswede, and continued her training as an illustrator at the Berlin Ladies’ Academy. In Munich, shortly before World War I, she evolved into an expressive painter within the Blue Rider circle. One distinctive trait she brought to the group, along with Münter, was her occasional flashes of irony — a sensibility that was foreign to the more melodramatic artists within the Blue Rider.
“I worked so hard on my embroidery today and was able to practice so well […], ” wrote Maria Franck-Marc in 1915 from Ried to her husband, who was serving as a soldier on the Western Front and would be killed in action shortly thereafter. It was the moment when she experimented with a new technique that would soon (after several stays at the Bauhaus in Weimar and Dessau) lead her to carpet weaving. The result was contemporary, prismatically refracted, constructivist-looking weavings. Surprising is the completely non-representational tapestry “Black Line, ” which she created at around age 75. Once again, she had her finger on the pulse of the times, as the tapestry can easily be compared to contemporary works by artists such as Fritz Winter. But in reality, she was ahead of her time: for with the deliberately left-open, unlinked sections at the top right and left of the center, the wall behind the tapestry “shines through” in a disorienting white — almost like in the work of Lucio Fontana, who, beginning in 1958, would slash his canvases (“Tagli”) with a knife to merge the previously enclosed pictorial space with the dimension of real space. It is possible that the renowned “Moderne Galerie Otto Stangl” presented the exhibition “Maria Marc Tapestries” precisely because of this radical modernity.
Gabriele Münter schuf zwei Versionen mit dem Thema „Drachenkampf“, die auf eine russische Holzplastik aus dem 19. Jahrhundert zurückgehen. Das vielköpfige Drachenmonster und der tapfer kämpfende Ritter befinden sich — gleichfarbig wie sie von Münter dargestellt und damit verbunden wurden — scheinbar unausweichlich auf einer Scholle in einer ewigwährenden Auseinandersetzung. Beiden aber ist jeweils ein eigener Hintergrund zugeordnet. Der Drache erhielt von der Künstlerin eine schwarz umrandete runde Aura aus blauen, violetten, roten und grünen Farbflecken, der Ritter einen reich bestückten Apfelbaum im Komplementärkontrast Rot-Grün, den es vor dem Monster zu verteidigen gilt.
Das hier reliefartig, bildparallel wiedergegebene klassische Thema „Ritter gegen Drache“ wirkt im ersten Moment sehr ernst, erfährt aber auf einer weiteren Ebene einen Zug ins ironische. Etwa, wenn man bedenkt, dass Münter im Tagebuch ihren Partner Wassily Kandinsky mitunter als unkollegial, einzelkämpferisch beschrieb. Plötzlich mag in dem Ritter der Heilige Georg erkannt werden, der von Kandinsky und Franz Marc als „Wappenfigur“ des Blauen Reiter auserkoren wurde. Und als solcher scheint dieser im Bild doch fast ein wenig überfordert in seinem einsamen männlichen Kampf gegen die vielköpfige Hydra, deren Köpfe schneller nachwachsen, als er sie abschlagen kann. Ob seine brutale Taktik, sich das Untier mit der Lanze vom Leibe zu halten, während er mit dem Schwert immer weiter zum nächsten Hieb ausholt, aufgehen wird, lässt die Künstlerin offen. Würde man aber gemeinsame Sache mit seiner Partnerin machen, hätte man eventuell mehr Chancen, das Paradies — den Apfelbaum — zu verteidigen oder die abstrakten Farbflecken hinter dem Untier, um die es Kandinsky ja ging, zu erobern.
Gabriele Münter created two versions on the theme of “The Dragon Fight, ” which draw inspiration from a 19th-century Russian wooden sculpture. The multi-headed dragon monster and the bravely fighting knight — depicted by Münter in the same color and thus linked — appear to be inescapably bound to a single ice floe, forever entwined in an eternal struggle. However, each is assigned its own distinct background. The artist gave the dragon a round aura outlined in black and composed of patches of blue, violet, red, and green; the knight is set against a richly laden apple tree in a striking complementary contrast of red and green, which he must defend against the monster.
The classic theme of “Knight vs. Dragon, ” rendered here in relief-like form and parallel to the image, appears very serious at first glance but takes on an ironic undertone on a deeper level. For instance, when one considers that Münter sometimes described her partner Wassily Kandinsky in her diary as uncooperative and a lone wolf. Suddenly, the knight may be recognized as Saint George, whom Kandinsky and Franz Marc chose as the “emblem” of the Blue Rider. And as such, he seems almost a little overwhelmed in the painting as he wages his lonely, masculine battle against the many-headed hydra, whose heads regrow faster than he can cut them off. The artist leaves open whether his brutal tactic — keeping the monster at bay with his lance while swinging his sword ever farther for the next strike — will succeed. But if he were to join forces with his partner, he might have a better chance of defending paradise — the apple tree — or conquering the abstract patches of color behind the monster, which were, after all, Kandinsky’s true focus.
„Im Zimmer“ gehört zu den Interieurbildnissen, denen sich Münter ab 1908 verstärkt widmete. Sie änderte ihre Malweise, vereinfachte Formen und setzte kräftige Farben ein. Zu sehen ist Münters Nichte Elfriede Schroeter, die zum Zeitpunkt der Entstehung elf Jahre alt war. Ihre flächig dargestellte Figur sitzt auf einem grünen Sessel und liest vertieft in einer Zeitung. Auffallend sind zwei Kindermalereien, die auf dem Boden an Möbelstücke angelehnt stehen. Die dort dargestellten Bilder stammen von Elfriede selbst.
Münter und Kandinsky sammelten Kinderzeichnungen, die sie neben volkstümlichen und außereuropäischen Kunstwerken an den Wänden ihrer Wohnung in München aufhängten. Auch ihre Nichten schenkten ihr Bilder. Insgesamt sind rund 250 in Münters Nachlass erhalten. Die Malerei ihrer Nichte wird in „Im Zimmer“ zur Anregung für Münters eigene Bildsprache: kräftige Farben, wie sie auch Kindern zur Verfügung stehen, vereinfachte Formen und wiederkehrende Formate etwa in den Bildern, den Fotografien an der Wand oder im Schränkchen.
Der damals von den Künstler:innen des Blauen Reiter verwendete Begriff „primitiv“ bezeichnete in diesem Zusammenhang eine als ursprünglich, naive, unmittelbar und nicht akademisch verstandene Ausdrucksform. Aus heutiger Sicht ist der Begriff jedoch problematisch und historisch belastet. Gabriele Münter arbeitete als erstes Mitglied des Blauen Reiter mit der oberbayerischen Hinterglasmalerei, deren Anregung mit der der Kindermalerei verwandt ist. In der Kinderkunst sah Münter eine Möglichkeit, fernab akademischer Normen eine universelle Bildsprache zu finden, die direkt wirkt. Auch die auf dem Sofa liegende Puppe verweist in die Welt des Spiels und der Fantasie.
“In the Room” is one of the interior portraits to which Münter devoted increasing attention beginning in 1908. She changed her painting style, simplifying forms and using bold colors. The subject is Münter’s niece, Elfriede Schroeter, who was eleven years old at the time the painting was created. Her figure, rendered in flat planes, sits in a green armchair, deeply engrossed in reading a newspaper. Notable are two children’s drawings leaning against pieces of furniture on the floor. The pictures depicted there were drawn by Elfriede herself.
Münter and Kandinsky collected children’s drawings, which they hung on the walls of their apartment in Munich alongside folk art and non-European artworks. Her nieces also gave her drawings. A total of about 250 have been preserved in Münter’s estate. In “In the Room, ” Elfriede’s paintings serve as inspiration for Münter’s own visual language: bold colors, such as those available to children, simplified forms, and recurring formats — for example, in the paintings, the photographs on the wall, or in the small cabinet. The term “primitive, ” as used at the time by the artists of the Blue Rider, referred in this context to a form of expression understood as original, naive, immediate, and non-academic. From today’s perspective, however, the term is problematic and historically fraught. Gabriele Münter was the first member of the Blue Rider to work with Upper Bavarian reverse-glass painting, inspired by children’s art. In children’s art, Münter saw an opportunity to find a universal visual language that would have a direct and immediate effect. The doll lying on the sofa also evokes the world of play and imagination.
Baustellen sind ein wichtiges Thema in Gabriele Münters Auseinandersetzung mit Arbeit und Technik. Straßenarbeiter, Pferdewagen und Arbeitsgeräte finden sich in ihren Gemälden, Zeichnungen und Holzschnitten, wobei Münter je nach Medium unterschiedliche Bildlösungen entwickelt.
In „Bauarbeiten“ reduziert sie die Szene auf wenige schwarze Flächen und das ausgesparte Weiß des Papiers. Auf einem Platz befinden sich mehrere Arbeiter und ein Pferdewagen, während Geröll als unregelmäßige Form erscheint. Figuren und Gegenstände sind durch vereinfachte, kantige Flächen und Linien knapp erfasst, eine Schaufel scheint dabei im Bildraum zu schweben. Auf eine räumlich detaillierte Umgebung wird weitgehend verzichtet.
Das Motiv erschien im November 1912 auf dem Umschlag der Zeitschrift „Der Sturm“. Bis Dezember 1915 schuf Münter vier Holzschnitte und zwei Zeichnungen für Titelblätter der Zeitschrift, darunter auch „Habsburgerplatz“ von 1912 ⁄ 13. Das Blatt zeigt eine Alltagsszene mit Mutter und Kind, Pferdewagen und Hunden in einer städtischen Umgebung, die Münter zu einer flächigen Komposition aus Schwarz und Weiß verdichtet.
Die Technik des Holzschnitts erlernte Münter bereits vor ihrer Zusammenarbeit mit „Der Sturm“ im Schulatelier der Grafiker Heinrich Wolff und Ernst Neumann. Um 1902 entstanden ihre ersten Holzschnitte; während ihres Aufenthalts in Sèvres 1906 ⁄ 07 schuf sie einen bedeutenden Teil ihrer frühen Druckgrafik. Ihr druckgrafisches Werk umfasst insgesamt 88 Blätter.
Herwarth Walden, Herausgeber der Zeitschrift „Der Sturm“ und Leiter der gleichnamigen Galerie, widmete ihr Anfang 1913 die 11. Ausstellung der Galerie, die anschließend u. a. in München, Frankfurt und Dresden gezeigt wurde. Eine weitere Einzelausstellung folgte im Oktober 1915.
Construction work is an important topic in Gabriele Münter’s engagement with labor and technology. Road workers, horse-drawn carts, and work tools appear in her paintings, drawings, and woodcuts, with Münter developing different visual solutions depending on the medium.
In “Construction Work, ” she reduces the scene to a few black areas and the exposed white of the paper. Several workers and a horse-drawn cart occupy a square, while rubble appears as an irregular shape. Figures and objects are rendered succinctly through simplified, angular planes and lines; a shovel appears to float within the pictorial space. The surrounding environment is largely rendered without spatial detail.
The motif appeared on the cover of the journal “Der Sturm” in November 1912. By December 1915, Münter had created four woodcuts and two drawings for the journal’s covers, including “Habsburgerplatz” (1912 ⁄ 13). The print depicts an everyday scene with a mother and child, a horse-drawn cart, and dogs in an urban setting, which Münter condenses into a flat composition of black and white.
Münter learned the technique of woodcut before beginning her collaboration with “Der Sturm, ” in the school studio of the graphic artists Heinrich Wolff and Ernst Neumann. Her first woodcuts date from around 1902; during her stay in Sèvres in 1906 ⁄ 07, she produced a significant part of her early graphic work. Her printed oeuvre comprises a total of 88 works.
Herwarth Walden, publisher of the journal “Der Sturm” and director of the gallery of the same name, exhibited Münter’s works in Berlin. In January ⁄ February 1913, he dedicated the gallery’s 11th exhibition to her; the exhibition subsequently travelled to Munich, Frankfurt, and Dresden, among other cities. A further solo exhibition followed in October 1915.
Photo: https://doi.org/10.11588/diglit.56300#0209 [zuletzt am 15.10.2026]
Als eine der ersten Künstlerinnen aus dem Münchner Kreis ließ sich Olga Meerson 1904 in Paris nieder. 1905 entdeckte sie den Fauvismus und studierte von 1908 bis 1911 bei Henri Matisse, zu dem sie eine enge künstlerische und persönliche Beziehung entwickelte. Mehrfach hielt sie sich gemeinsam mit der Familie Matisse in Collioure auf, dessen intensives Licht zum Ausgangspunkt einer neuen, leuchtenden Farbmalerei wurde. In Paris war Meerson regelmäßig im „Salon d’Automne“ und zwei Mal im „Salon des Indépendants“ vertreten.
Wie unmittelbar sie die französische Moderne aufnahm, zeigt das Gemälde „Fleurs“. Ein üppiger Blumenstrauß füllt einen Krug und breitet sich über die Bildfläche aus. Leuchtendes Grün hebt sich vor einer rosafarbenen Wand ab, violette Schatten setzen kontrastierende Akzente. Dunkle Konturen fassen Krug und Tisch. Die skizzenhafte Malweise und die ungemischten, direkt gesetzten Farben lassen den Strauß beinahe im Moment des Malens entstehen.
Auch in „Blick durch das Fenster“ greift Meerson ein Motiv auf, das Matisse wiederholt beschäftigte: das Fenster. Wie in Matisse’ „Offenem Fenster“ von 1905 wird es zum „Bild im Bild“: Es rahmt den Blick aus dem Innenraum auf die südliche Landschaft. Doch Meerson setzt mehrere Bildelemente zwischen Betrachter:in und Außenraum. Vorhänge, Fensterläden und Spiegelungen auf der Scheibe machen das Fenster selbst als Schwellenraum sichtbar. Das Balkongeländer öffnet und begrenzt zugleich den Blick auf die Bucht von Collioure. So entsteht ein Wechselspiel zwischen dem Innen- und Außenraum. Denn das intensive Licht dringt in den Wohnraum ein und lässt die Bereiche farblich miteinander verschmelzen. Der Stuhl im Vordergrund scheint den Betrachtenden einzuladen, Platz zu nehmen und selbst nach draußen zu blicken.
Olga Meerson was one of the first women artists from the Munich circle to settle in Paris, where she moved in 1904. In 1905, she discovered Fauvism and studied with Henri Matisse from 1908 to 1911, developing a close artistic and intimate relationship with him. She stayed several times with the Matisse family in Collioure, whose intense light became a starting point for a new, luminous approach to color. In Paris, Meerson regularly exhibited her work at the “Salon d’Automne” and twice at the “Salon des Indépendants.”
The painting “Fleurs” demonstrates how directly Meerson absorbed the developments of French modernism. A lush bouquet fills a jug and spreads across the picture plane. Vivid green stands out against a pink wall, while violet shadows add contrasting accents. Dark contours define the jug and table. The sketch-like brushwork and unmixed colors, applied directly to the canvas, make the bouquet seem to emerge almost in the very moment of painting.
In “View from the Window” (1911), Meerson likewise takes up a motif that repeatedly preoccupied Matisse: the window. As in Matisse’s “Open Window” of 1905, it becomes a “picture within a picture, ” framing the view from the interior onto the southern landscape. Yet Meerson places several pictorial elements between the viewer and the outside world. Curtains, shutters, and reflections on the glass make the window itself visible as a threshold space. The balcony railing simultaneously opens up and restricts the view of the bay of Collioure. In this way, an interplay emerges between interior and exterior space. The intense light penetrates the living space, causing the two areas to merge through color. Finally, the chair in the foreground seems to invite the viewer to sit down and look outside themselves.
Um 1911 ⁄ 12 beschäftigte sich Elisabeth Erdmann-Macke gemeinsam mit August Macke und dem Umfeld des Blauen Reiter mit der traditionellen Hinterglasmalerei Bayerns. Neben ihren Skizzenbüchern mit eigenen Entwürfen sind einige Hinterglasbilder von ihr überliefert. Ob das Hinterglasbild „Byzantinische Heiligenszene“ um 1910 ⁄ 11 ausschließlich von Erdmann-Macke stammt, ist nicht gesichert, stilistische Merkmale sprechen jedoch dafür. Die streng symmetrische Komposition, die gleich hohen Apostelköpfe, die zentrale Heiligenfigur mit Krone und die abschließende Blütenreihe erinnern an byzantinische Mosaiken.
Eine Anregung könnte die Ravenna-Reise von 1908 gewesen sein, auf der sie die Mosaiken von San Vitale sahen. Erdmann-Macke übernahm deren Bildsprache nicht einfach, sondern übersetzte die monumentale, streng geordnete Gestaltung in das kleine Format der Hinterglasmalerei. Symmetrie, flächige Farbigkeit und ornamentale Wirkung verleihen dem Bild einen eigenständigen Charakter.
In der „Orientalischen Szene“ von 1912 verbindet die Künstlerin vereinfachte Formen und leuchtende Farben mit einer ornamentalen Gestaltung. Dabei entsteht eine imaginäre Welt, in der Erdmann-Macke Figuren und Motive aus unterschiedlichen kulturellen Bildvorstellungen wie Versatzstücke zusammenfügt. Der historische Titel verweist auf zeitgenössische Vorstellungen einer als fremd wahrgenommenen Welt und lässt sich damit in den Kontext des europäischen Exotismus einordnen. Das Motiv nimmt dabei weniger auf Erdmann-Mackes Reise nach Tunesien 1904 Bezug als auf die Begeisterung des Kreises für Märchen und Erzählungen aus arabischen und nordafrikanischen Kulturen. So verbindet Erdmann-Macke unterschiedliche Bildtraditionen zu einer neuen Bildwelt.
Around 1911 ⁄ 12, Elisabeth Erdmann-Macke explored traditional Bavarian reverse glass painting together with her husband and others in the circle of the Blue Rider. In addition to her sketchbooks containing her own designs, several reverse-glass-paintings by her have survived. It is not certain whether the reverse-glass painting “Byzantine Scene with Saints, ” dating from around 1910 ⁄ 11, was created solely by Erdmann-Macke, although stylistic features suggest that it was. The strictly symmetrical composition, the apostles’ heads aligned at the same height, the central crowned saint, and the concluding row of flowers recall Byzantine mosaics.
One possible source of inspiration was their 1908 trip to Ravenna, where they saw the mosaics of San Vitale. Erdmann-Macke did not simply adopt their visual language, but translated the monumental, rigorously ordered composition into the small format of reverse-glass painting. Symmetry, flat areas of color, and an ornamental quality give the work a distinctive character.
In »Oriental Scene« (1912), the artist combines simplified forms and vivid colors with an ornamental approach to composition. She creates an imaginary world in which Erdmann-Macke brings together figures and motifs from different cultural traditions as if assembling fragments. The historical title reflects contemporary ideas about a world perceived as foreign and can thus be situated within the context of European exoticism. Rather than referring primarily to Erdmann-Macke’s 1904 trip to Tunisia, the motif reflects the circle’s fascination with fairy tales and stories from Arab and North African cultures. In this way, Erdmann-Macke combines different visual traditions to create a new pictorial world.
Bei Else Lasker-Schüler sind Schreiben und Zeichnen eng miteinander verbunden. Ihre Zeichnungen stehen in direktem Zusammenhang mit Gedichten, Briefen und ihrer Selbstinszenierung. Figuren, Namen und Szenen greifen Motive aus ihrer Lebenswelt auf und überführen sie in eine imaginäre Welt, in der reale Personen in poetisch veränderten Rollen erscheinen.
Eine zentrale Figur dieser Welt ist der „Prinz Jussuf von Theben“, den Lasker-Schüler ab den 1910er-Jahren als ihr Alter Ego entwickelte. Theben bezeichnet keinen historischen Ort, sondern ein imaginäres Reich, in dem sie eine eigene Identität und künstlerischen Kosmos erschafft. Auch Geschlechterrollen gestaltet sie darin neu. Als Prinz Jussuf trat sie in männlich konnotierter Kleidung auf und bewegte sich bewusst zwischen femininer und maskuliner Selbstinszenierung.
Diese imaginäre Welt greift zeitgenössische Bildvorstellungen auf, die Menschen und Kulturen exotisierend und stereotyp darstellen. Aus heutiger Sicht sind solche Darstellungen problematisch, da sie kulturelle Vielfalt vereinfachen und auf bestimmte Merkmale reduzieren. Lasker-Schülers jüdische Herkunft ist Teil ihrer vielschichtigen Identitätsentwürfe, ohne dass ihre Figuren als Darstellungen ihrer eigenen Herkunft zu verstehen sind.
1912 lernte sie Franz Marc kennen und entwickelte mit ihm eine poetische Welt. Er wurde zum „Blauen Reiter“ bzw. „Fürst von Cana“, während Lasker-Schüler als „Prinz von Theben“ auftrat. Briefe, Gedichte und Zeichnungen wurden zu Medien dieses Spiels. Auch Werefkin bezog sie ein: In ihrem Gedicht bezeichnet sie Werefkin als „adeligen Straßenjungen“ und versieht sie damit mit männlichen Zuschreibungen. So werden Freundschaften, Rollen und Identitäten in ihren Zeichnungen neu gestaltet.
For Else Lasker-Schüler, writing and drawing were closely intertwined. Her drawings are directly connected to her poems, letters, and self-fashioning. Figures, names, and scenes draw on elements from her lived experience and transform them into an imaginary world in which real people and relationships appear in poetically altered roles.
A central figure in this world is “Prince Jussuf of Thebes, ” whom Lasker-Schüler developed as her alter ego from the 1910s onward. Thebes does not refer to a historical place, but to an imaginary realm in which she created her own identity and mythology. Gender roles are also reimagined within this world. As Prince Jussuf, she appeared in clothing associated with masculinity and consciously moved between feminine and masculine forms of self-fashioning.
At the same time, this imaginary world draws on contemporary visual ideas that portrayed people and cultures in exoticizing and stereotypical ways. From today’s perspective, such representations are problematic because they simplify cultural diversity and reduce it to certain characteristics. Lasker-Schüler’s Jewish background forms part of her multifaceted constructions of identity, although her figures should not be understood as representations of her own cultural background.
In 1912, she met Franz Marc and developed a poetic world with him. He became the “Blue Rider, ” or “Prince of Cana, ” while Lasker-Schüler appeared as the “Prince of Thebes.” Letters, poems, and drawings became the media through which this imaginative game unfolded. She also included Werefkin: in her poem addressed to Werefkin, she called her an “noble street lad, ” thereby giving her masculine attributes. In this way, friendships, roles, and identities are reimagined in her drawings.