Biografien der Blauen Reiterinnen

Marianne von Werefkin, um 1900 (Ausschnitt), Forschungsarchiv Alexej von Jawlensky im Museum Wiesbaden. Foto: ebd.

„Ich bin nicht Mann, ich bin nicht Frau, ich bin ich.“

Marianne von Werefkin, 1905

Marianne von Werefkin

1860—1938

1909 NKVM* 6 Werke │ 1910 NKVM 6 Werke │ 1911 NKVM 8 Werke

Marianne von Werefkin, von höchstem russischem Adel abstammend, war in Sankt Petersburg Meisterschülerin des berühmten realistischen Malers Ilja Repin. Über ihn lernte sie 1892 den vier Jahre jüngeren Alexej von Jawlensky kennen, den sie beschloss zu fördern. Gemeinsam zogen sie 1896 nach München, wo sie 18 Jahre bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der Giselastraße 23 lebten. Hier führte Werefkin den interdisziplinären „Rosa Salon“, in dem sich Künstler, Musikerinnen, Politiker oder Schriftstellerinnen regelmäßig trafen. In diesem, von ihr geschaffenen kreativen Umfeld gab Werefkin 1909 den Anstoß zur Neuen Künstlervereinigung München, deren erster Vorsitzender Wassily Kandinsky gewesen ist. Zwischen 1908 und 1910 war Werefkin neben Jawlensky, Kandinsky und Gabriele Münter Teil jenes Quartetts, das in den im Nachhinein berühmt gewordenen Murnau-Aufenthalten den deutschen Expressionismus erfand.

Während des Ersten Weltkriegs floh Werefkin als „Feindstaatenausländerin“ über Saint-Prex am Genfer See und Zürich nach Ascona ins Exil, wo sie 1938 verarmt starb und ein bislang unterschätztes, die Arbeitswelt thematisierendes, kraftvolles Spätwerk schuf. Hier gründete sie mit dem „Großen Bären“ noch einmal eine Künstlergruppe und traf alte Weggefährten wie Gabriele Münter und Maria Franck-Marc, die Frau des im Krieg gefallenen Franz Marc, aus dem Umfeld des von ihr künstlerisch maßgeblich bereicherten Blauen Reiter.

*NKVM = Neue Künstlervereinigung München

Gabriele Münter

1877—1962

1909 NKVM* 21 Werke │ 1910 NKVM 7 Werke │ 1911 DBR* 6 Werke │ 1912 DBR 14 Werke

Die in Berlin geborene Künstlerin erhielt ab 1897 in der Düsseldorfer „Damenkunstschule“ ersten Zeichenunterricht. Bevor Münter 1901 nach München wechselte, unternahm sie mit ihrer Schwester eine zweijährige USA-Reise, um Verwandte zu besuchen. Mit ihrer Kamera „Kodak Bull‘s Eye, No. 2“ dokumentierte sie ihre vielen Aufenthalte zwischen New York und Texas mit knapp 400 Aufnahmen im ausschließlich quadratischen Format. Dass ihre Entscheidung, im Anschluss nach München zu ziehen, hochstrategisch war, macht ein Brief an ihren Bruder vom April 1899 deutlich: „So ist denn heute München die Stadt, in der gleich Paris das meiste für das Studium der Frau auf künstlerischem Gebiet möglich ist.“ Hier besuchte sie nach einem Holzschnittkurs an der Wolff-Neumann-Schule die Damen-Akademie und wurde parallel von Wilhelm Hüsgen in der Phalanx-Schule ausgebildet. In letzterer lernte sie Wassily Kandinsky kennen, mit dem sie sich zwischen 1904 und 1907 künstlerisch parallel entwickelte und durchgängig auf Reisen in den Niederlanden, Frankreich, Italien und Tunesien war. Beide trafen 1908 in Murnau mit Werefkin und Jawlensky zusammen, woraufhin 1909 die Neue Künstlervereinigung München gegründet wurde, aus der wiederum 1911 Der Blaue Reiter hervorging.

Während des Ersten Weltkriegs lebte Münter für fünf Jahre in Skandinavien. Nach Stationen in Berlin und Paris in den 1920er-Jahren ließ sie sich 1931 wieder dauerhaft in Murnau in dem Haus nieder, das sie 1909 in der Kottmüllerallee erworben hatte. Ihr sich fortwährend erneuernder Malstil wurde der Künstlerin über Jahrzehnte hinweg als Unentschlossenheit ausgelegt, heute wird sie gerade hierfür geschätzt und gilt als eine der facettenreichsten Kunstschaffenden im Umfeld des Blauen Reiter.

*NKVM = Neue Künstlervereinigung München ǀ DBR = Der Blaue Reiter

Wassily Kandinsky, Gabriele Münter mit Staffelei und Malmaterialien (Detail), Kochel am See, Sommer 1902, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München. Foto: ebd.

„Meine Sache ist das Sehen, das Malen, das Zeichnen, nicht das Reden“

Gabriele Münter, 1952

Erma Bossi, Selbstbildnis (als Bildnis von Marianne von Werefkin 1970 erworben), um 1910, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München

„Ihre frühen Bilder zeigen ein frisches Geschick in der Beobachtung des Bunten und Kapriziösen, des Überraschenden und Momentanen“

Otto Fischer, in: „Das Neue Bild“, 1912

Erma Bossi

1875—1952

1909 NKVM* 6 Werke │ 1910 NKVM 6 Werke │ 1911 NKVM 4 Werke

Auf Erma Bossis Biografie und Werk liegen trotz intensiver Recherchen noch immer große Schatten — und man fragt sich, wie das bei einer Künstlerin sein kann, die eine der Hauptvertreterin der kunsthistorisch bedeutenden Neuen Künstlervereinigung München (NKVM) gewesen ist. Sie stellte auf den drei Ausstellungen der NKVM zwischen 1909 und 1911 insgesamt 16 Gemälde aus.

Laut Melderegister in Triest wurde sie am 9. Juni 1875 im damals österreichisch-ungarischen Pula geboren. Sie selbst gab ihr Geburtsjahr einmal mit 1882 und einmal mit 1885 an. In Triest besuchte sie ein Mädchengymnasium und kam, so vermutet man, weil sie sich nachweislich bis 1904 in der Triester Kunstszene bewegte, Anfang des 20. Jahrhunderts nach München. Des Weiteren gab sie an — was sich allerdings bislang nicht belegen ließ —, dass sie drei Jahre in der Malschule von Anton Ažbe in der Georgenstraße in München Kurse belegte, wo sie sehr wahrscheinlich Bekanntschaft mit Elisabeth Epstein, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky und Olga Meerson gemacht hatte, die ebenfalls dort unterrichtet wurden. Parallel war Bossi bei dem Landschafts- und Porträtmaler Heinrich Knirr, der von 1900 bis 1911 für den Künstlerinnen-Verein an der Münchner Damenakademie unterrichtete, wo sie wiederum Maria Franck-Marc und Gabriele Münter begegnet sein könnte. Verbrieft sind ihre zahlreichen Besuche in Murnau im Münter-Haus durch die vier Gemälde und zahlreichen Skizzen, auf welchen Erma Bossi im Gespräch mit Kandinsky von Münter festgehalten wurde. 1921 ist sie nach Mailand gezogen, wo sie 1952 verstarb. Sowohl in Mailand als auch in Triest können Ausstellungsbeteiligungen belegt werden, Höhepunkt ihrer Karriere nach der NKVM war 1930 ihre Beteiligung an der „XVII. Biennale“ in Venedig.

Emmi Dresler

1880—1962

1909 NKVM* 4 Werke

Emmi Dresler gehörte zum Umfeld der Münchner Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts, über deren Leben jedoch nur wenige Informationen überliefert sind. Auch von ihrem künstlerischen Werk sind nur wenige Arbeiten erhalten.

Kurz nach ihrem Umzug von Siegen nach München wurde sie 1902 eine der ersten Schülerinnen der Malklasse von Wassily Kandinsky. Dort begegnete sie auch Gabriele Münter und Olga Meerson. 1903 nahm sie mit ihrer Klasse an einem Studienaufenthalt in Kallmünz teil. Auch nach der Schließung der Phalanx-Schule blieb sie in München und hielt engen Kontakt zu Münter. In den Sommern 1904 und 1905 hielt sie sich mit einer Studienkollegin zum Malen in Feldwies am Chiemsee auf. Anfang 1907 besuchte sie Münter und Kandinsky in Rapallo. Zwei Jahre später lud Kandinsky sie ein, vier Werke auf der ersten Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung München zu zeigen.

Ab etwa 1908 lernte sie Rudolf Steiner kennen und wurde Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. In diesem Zusammenhang gestaltete sie Bühnenbilder und Holzschnitzereien für das Goetheanum in Dornach. 1921 kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück und nahm dort regen Anteil am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Ihr Haus wurde zu einem offenen Treffpunkt, an dem sie Eurythmie- und Malkurse sowie Vorträge veranstaltete. Sie gründete eine Malschule und richtete mit der „Kunststube“ einen Verkaufs- und Galerieraum ein. Zudem war sie Mitglied des Siegener Kunstvereins und nahm wiederholt an dessen Ausstellungen teil. Sie blieb künstlerisch tätig und widmete sich vor allem der Aquarellmalerei. Nach der Zerstörung ihres Hauses 1945 zog sie an den Bodensee. 1954 kehrte sie nach Siegen zurück, wo sie 1962 starb.

Kandinskys Klasse „Abendakt“ in der Phalanx-Schule (Detail), Frühjahr 1902, Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung, München. Foto: ebd.

„Dresler — die Welt des ‚chen‘ (Gärtchen etc.), also das Niedliche, Kindliche, was unfähig ist, zum großen Gemeinen heranzuwachsen.“

Wassily Kandinsky über Emmi Dresler, 1910

Elisabeth Epstein, ca. 1905, Forschungsarchiv Alexej von Jawlensky im Museum Wiesbaden. Foto: ebd.

„Ich mache das, was ich früher nicht konnte, ich lasse mich ‚sein‘ und nicht denken.‘“

Elisabeth Epstein an Wassily Kandinsky, 1911

Elisabeth Epstein

1879—1956

1911 DBR* 2 Werke

Elisabeth Iwanowna Epstein (geb. Hefter) wurde 1879 in Schytomyr im Gebiet der heutigen Ukraine geboren und erhielt um 1896 bei dem Impressionisten Leonid Pasternak in Moskau ihre erste künstlerische Ausbildung. 1898 — nur zwei Jahre nachdem das Künstlerpaar Jawlensky/Werefkin und ein Jahr nachdem Kandinsky von Russland nach München gezogen waren — ging Epstein ebenfalls in die bayerische Metropole. Hier war sie wie jene zunächst in der Malschule des Slowenen Anton Ažbe (1899/1900) und folgte Kandinsky in die Phalanx-Schule, wo sie auch von Jawlensky unterrichtet wurde. Sie besuchte in jenen Jahren regelmäßig den von Marianne von Werefkin moderierten „Rosa Salon“ in der Giselastraße 23 und hatte eine enge Freundschaft mit Jawlensky. Ab 1904 reiste Epstein häufig nach Paris, wo sie Sonia Delaunay-Terk kennenlernte und bald erfolgreich ausstellte. Wir wissen von vier Beteiligungen am „Salon d’Automne“ im Grand Palais zwischen 1906 und 1913. Bei ihrem ersten Auftritt zeigte sie dort in der von Sergei Diagilew organisierten Abteilung „L’Art Russe“ neben Natalia Gontscharowa, Olga Meerson, Jawlensky und Kandinsky vier Gemälde.

Von diesem Moment an war es die Paris erfahrene Epstein, die Jawlensky herumführte und Kandinsky mit dem Kreis „Les Tendances Nouvelles“ bekannt machte. Und für die erste Ausstellung des Blauen Reiter in München, auf der sie selbst zwei Werke präsentierte (eines davon erwarb Kandinsky), vermittelte sie Gemälde von Robert Delaunay und Henri Rousseau. In der von Herward Walden herausgegebenen Zeitschrift „Der Sturm“ publizierte Epstein 1912 und 1913 zwei kunsttheoretische Texte. Wegen des Ersten Weltkriegs ging Epstein in die Schweiz, wo sie 1929 das Bürgerrecht erhielt. Dies bewahrte die jüdische Künstlerin später vor nationalsozialistischer Verfolgung.

Maria Franck-Marc

1876—1955

1912 DBR* 3 Werke

„Ich denke noch viel an die Ausstellung bei Thannhauser u. freue mich auf’s Arbeiten u. den Sommer.“ So schrieb Maria Franck-Marc im Dezember 1909 an Franz Marc und ließ ihn wissen, dass sie der Besuch der ersten Präsentation der Neuen Künstlervereinigung München mit Werken von Erma Bossi, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Gabriele Münter oder Marianne von Werefkin nachhaltig bewegte. Zu diesem Zeitpunkt lebte Franck-Marc bereits seit fünf Jahren in München, wo sie sich an der Damen-Akademie des Künstlerinnen-Vereins weiter zur Malerin ausbilden ließ. Zuvor hatte sie in ihrer Geburtsstadt Berlin eine Ausbildung zur Zeichenlehrerin abgeschlossen und parallel im „Damenatelier“ des Malers Karl Storch gelernt. Über die Künstler:innen-Kolonie Worpswede, wo ihr Otto Modersohn begegnete, kam sie 1905 nach München. Gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Franz Marc entwickelte sie sich ab diesem Moment nach und nach zu einer fauvistisch-kubistisch arbeitenden Malerin mit völlig eigenständiger Motivik.

1916, nach dem Tod Franz Marcs, gab sie die Malerei auf, setzte ihre Karriere aber als Textilkünstlerin fort. Während mehrerer Aufenthalte am Bauhaus in Weimar und Dessau in den 1920er-Jahren erlernte sie die Weberei und schuf zahlreiche Teppiche, die ihre intensive Auseinandersetzung mit der aktuellen konstruktivistischen Kunst der Zwischenkriegsjahre veranschaulichen. Noch um 1950 setzte sie sich mit zeitgenössischen Tendenzen auseinander. Der abstrakte blaue Teppich „Schwarze Linie“ der inzwischen 74-jährigen Künstlerin etwa lässt sich mit zeitgleichen Arbeiten des jungen Fritz Winters vergleichen. Diese Aktualität war vermutlich der Grund, warum ihre Webteppiche 1952 in der renommierten Münchner Galerie Otto Stangl präsentiert wurden.

Maria Franck-Marc in Ried, 1917, Privatbesitz. Foto: Privat

„Ich traf mich mit Maria Marc in Dessau [Bauhaus], wo wir bei Feiningers wohnten und ich die alten Bekannten Klees und Kandinskys wiedersah.“

Elisabeth Erdmann-Macke, Tagebuch 1929

Natalia Gontscharowa, undatiert. Foto: Historic Images / Alamy

„Déjeuner bei Gontscharowa … Ich habe gestern mit Gontscharowa getauscht und mit Larionow dasselbe verabredet.“

Wassily Kandinsky aus Moskau an Münter, November 1910

Natalia Gontscharowa

1881—1962

1912 DBR* 3 Werke

Natalia Gontscharowa wurde am 3. Juli 1881 im Gouvernement Tula im Russischen Kaiserreich geboren. 1892 zog ihre Familie nach Moskau, wo sie ab 1898 Bildhauerei am Institut für Malerei, Bildhauerei und Architektur studierte. Dort lernte sie ihren Lebenspartner Michail Larionow kennen, mit dem sie später auch künstlerisch eng zusammenarbeitete. Auf seine Anregung wechselte sie zur Malerei, die sie sich weitgehend autodidaktisch aneignete.

Gontscharowa war äußerst produktiv und arbeitete in verschiedenen Medien. Einige ihrer Werke sorgten wiederholt für Skandale. Die damit verbundene Aufmerksamkeit trug zu ihrer Bekanntheit bei und wurde von ihr teilweise gezielt eingesetzt.

Gontscharowa gehörte zu den prägenden Künstlerinnen der russischen Avantgarde und war an der Gründung der Künstlergruppen „Karo-Bube“ und „Eselsschwanz“ beteiligt. Ihre Werke wurden vermutlich bereits 1906 von den späteren Mitgliedern des Blauen Reiter auf dem Pariser Salon d’Automne gesehen. Mehrere ihrer Zeichnungen erschienen im Almanach „Der Blaue Reiter“; als Gontscharowa aus Moskau Ende 1911 Kandinsky Werke für die zweite Ausstellung des Blauen Reiter schickte, berichtete er sogleich Franz Marc begeistert: „Sehr gute Zeichnungen von der Gontscharowa heute angekommen.“

1913 und 1914 waren ihre Werke außerdem in den Ausstellungen des Blauen Reiter in der Berliner Galerie „Der Sturm“ zu sehen. 1913 nahm sie mit drei Werken am „Ersten Deutschen Herbstsalon“ in Berlin teil. Im selben Jahr fand in Moskau ihre erste große Einzelausstellung statt, die mehr als 761 Werke umfasste.

1915 emigrierte Gontscharowa nach Paris. Dort arbeitete sie unter anderem als Kostüm- und Bühnenbildnerin für die Ballets Russes von Sergei Diaghilew. 1955 heiratete sie Larionow, unter anderem zur rechtlichen Absicherung ihres künstlerischen Nachlasses.

Carla Pohle

1883/85—1962

1909 NKVM* 4 Werke

Über das Leben von Carla Pohle sind nur wenige biografische Aussagen überliefert, sodass sich ihre Biografie nur in Ansätzen rekonstruieren lässt. 1883 in Lehe geboren, zog sie 1892 mit ihrer Familie nach Genua, wo sie eine Klosterschule besuchte. Nach ihrer Rückkehr studierte sie an einer Kunstschule in Berlin und anschließend bis 1902 an der Staatlichen Akademie in Kassel.

1903 zog Pohle nach München, das sich zu dieser Zeit zu einem Zentrum der künstlerischen Avantgarde entwickelte. Dort studierte sie zwei Jahre an den Lehr- und Versuch-Ateliers für angewandte und freie Kunst von Wilhelm von Debschitz und Hermann Obrist. Zu ihren Studienkollegen gehörten der Bildhauer Moissey Kogan und Paul Dresler, Bruder der Malerin Emmi Dresler. Über sie kam Pohle früh mit Künstlern in Kontakt, die später zum Umfeld der Neuen Künstlervereinigung München (NKVM) gehörten. Zudem begegnete sie Käthe Kollwitz, mit der sie befreundet war und die sie mehrfach porträtierte.

1909 stellte Pohle bei der ersten Ausstellung der NKVM vier Radierungen aus. In den 1920er-Jahren erschienen ihre Arbeiten in der Zeitschrift „Die Jugend“ und sie war ab 1928 regelmäßig in der Neuen Secession vertreten.

1929 zog sie mit Katharina von Sanden nach Feldafing, mit der sie bis zu deren Tod zusammenlebte. Ab 1931 wohnte sie bei der jüdischen Familie Hirsch in Herrsching und war auf Unterstützung angewiesen. Mit der Auflösung der Neuen Secession 1937 verlor sie eine wichtige Ausstellungsmöglichkeit. Zugleich wurden ihre Werke im Nationalsozialismus ausgestellt, als „entartet“ diffamiert und beschlagnahmt.

1955 widmeten ihr der Heidelberger Kunstverein und die Städtische Galerie München Ausstellungen. Dennoch beklagte Pohle die mangelnde Anerkennung von Künstlerinnen. Sie starb 1962 in Herrsching.

Carla Pohle, undatiert, Privatbesitz. Foto: Privat

„Die Frauen werden scheinbar immer noch nicht ernst genommen.“

Carla Pohle an Arthur Rühmann, Februar 955

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„Da ich den großen Wunsch habe, Ihre neuen Bilder zu sehen, würde ich Sie heute gerne im Atelier aufsuchen, bei mir ist ein russischer Maler, Herr Jawlensky, der Ihre Gemälde ebenfalls sehr bewundert.“

Elisabeth Epstein an Henri Manguin in Paris, November 1906

Die internationale Vernetzung gehörte zu den zentralen Anliegen des Blauen Reiter. Zwischen Moskau, München, Berlin und Paris entstanden vor dem Ersten Weltkrieg dichte Verbindungen, die die Künstlerinnen aktiv mitgestalteten. Sie reisten, korrespondierten, organisierten Ausstellungen, vermittelten Werke und pflegten persönliche Kontakte. Dabei wirkten sie als Vermittlerinnen zwischen den Kunstzentren und prägten den grenzüberschreitenden Austausch der Avantgarde.

Die „Blauen Reiterinnen“ bildeten selbst ein internationales Beziehungsgeflecht. Sonia Delaunay-Terk, Elisabeth Epstein, Natalia Gontscharowa, Olga Meerson und Marianne von Werefkin kamen aus dem Russischen Reich, Erma Bossi aus der Habsburgermonarchie, weitere Künstlerinnen aus dem Deutschen Reich.

Eine Schlüsselrolle spielte Elisabeth Epstein, die in Paris studiert hatte und mit Sonia Delaunay-Terk befreundet war. 1911 vermittelte sie durch Fotografien von Werken Robert Delaunays den Kontakt zu Kandinsky und trug dazu bei, dessen Arbeiten im Umfeld des Blauen Reiter bekannt zu machen. Im Herbst 1912 reisten Franz Marc und Maria Franck mit August Macke nach Paris und trafen dort die Delaunays. Auch Delaunay-Terk organisierte den Versand von Werken nach Deutschland und stand mit Kandinsky und Macke in Kontakt. Die Verbindungen führten 1913 zur Präsentation der Delaunays im „Ersten Deutschen Herbstsalon“ in Berlin, wo zugleich vier weitere Künstlerinnen des „Blauen Reiter“ vertreten waren.

Auch nach Russland bestanden enge Verbindungen: Münter und Werefkin stellten dort aus und begegneten Gontscharowa, Larionow und Malewitsch. Umgekehrt reisten russische Künstlerinnen nach Paris und nahmen dort neue Impulse auf.

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