Projektion des Freskos „Der Tag“, Foto: Museum Wiesbaden / Marc Lieser
Bei unserem ersten Besuch der Familie Lührig in Leverkusen wurden wir herzlich mit Kaffee und Kuchen empfangen. Inge Knoblauch, die Sprecherin der Familie, führte uns anschließend durch das Einfamilienhaus ihrer verstorbenen Schwester, in dem seit Jahrzehnten der weitgehend in Vergessenheit geratene Nachlass des Dresdner Jugendstilkünstlers Georg Lührig (1868–1957) verwahrt wurde.
Auf zwei Etagen bot sich uns ein beeindruckendes Bild: Nahezu jede freie Wand war mit Werken des Künstlers bestückt, selbst im Garten begegnete uns seine Porträtbüste. Den Höhepunkt bildete der Keller, den die Familie zu einem provisorischen Lührig-Archiv umfunktioniert hatte. Großformatige Papierrollen lagen auf Tischen ausgebreitet, Gemälde reihten sich dicht an dicht und die Wandregale waren gefüllt mit Dokumentenboxen und Mappenwerken. Doch wie gelangte dieser außergewöhnliche Bestand überhaupt nach Leverkusen?
Als Alleinerbe übergab Georg Lührigs Sohn den Nachlass 1959 zunächst in die Obhut des Museums Schloss Hinterglauchau. Nachdem der Nachlass 1980 zum geschützten Kulturgut der DDR erklärt worden war, blieben die Werke lange Zeit unter Verschluss. Erst 1988 erhielt die Familie für einen Großteil der Arbeiten eine Ausfuhrgenehmigung in die BRD; 1990 kamen sie schließlich in den Leverkusener Keller.
Hier war deren Zukunft jedoch lange Zeit ungewiss. Insbesondere Inge Knoblauch hatte sich mit großem Engagement um den Nachlass bemüht und recherchierte dank ihres „detektivischen Spürsinns“ zahlreiche Informationen zu den einzelnen Werken. Doch nicht nur sie fühlt sich dem Künstler in besonderer Weise verbunden: Auch die übrigen Familienmitglieder verbinden mit seinen Werken zahlreiche persönliche Erinnerungen, da diese über viele Jahre hinweg Teil ihres Alltags geworden waren. Erst 2023 kam es zu einem ersten Kontakt mit dem Museum Wiesbaden. Im Zuge unserer Oskar Zwintscher-Ausstellung, in der auch zwei Arbeiten Lührigs (u. a. der erneut ausgestellte Pelikan) zu sehen waren, wandte sich die Familie an Kurator Dr. Peter Forster, der sich sofort für eine Zusammenarbeit begeisterte.
Bei der ersten Sichtung des Nachlasses stellte unser Team erhebliche Schäden fest – trotz des hohen Verantwortungsbewusstseins der Familie: Sowohl die Leinwandgemälde als auch die Papierrollen wiesen etwa Fehlstellen, Farbablösungen und Risse auf. Hinzu kam ein massiver Befall durch zellulosefressende Schädlinge – sogenannten Papierfischchen –, die vor allem die Randbereiche der Arbeiten stark in Mitleidenschaft gezogen hatten. Die Lagerbedingungen im Leverkusener Keller waren auf Dauer nicht geeignet, um einen derart umfangreichen und geschädigten Kunstbestand zu bewahren.
Da der Nachlass ohne schnelle konservatorische Maßnahmen akut gefährdet war, wurden insgesamt 165 Objekte von Leverkusen nach Wiesbaden transportiert. Damit entwickelte sich unser Ausstellungsprojekt zugleich zur Rettungsaktion eines Künstlernachlasses.
Nach der Ankunft in Wiesbaden begann die eigentliche Arbeit: Aufgrund des Schädlingsbefalls konnten die Objekte nicht unmittelbar in unser Depot eingelagert werden, sondern wurden zunächst im Freilichtmuseum Hessenpark einer Stickstoffbegasung unterzogen. Anschließend dokumentierten unsere Hausfotografen Bernd Fickert und Dirk Uebele die Objekte fotografisch, um sie digital zu sichern.
Daneben stellten wir Anträge auf Förderung der dringend notwendigen Restaurierungsmaßnahmen. Dankenswerterweise erkannten die Kulturstiftung der Länder und der Freundeskreis der Kulturstiftung der Länder sowohl die kunsthistorische Bedeutung des Nachlasses als auch dessen Notlage und unterstützten das Projekt. Voraussetzung der Förderung war, dass die restaurierten Werke dauerhaft im Museum verbleiben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden – ein Schritt, dem die Familie gerne zustimmte. Zeitnah wurde eine Auswahl der zu restaurierenden Objekte getroffen und an zwei auf Leinwand- und Papierarbeiten spezialisierte externe Restauratorinnen übergeben. Ein weiteres Werk wurde in unserer hauseigenen Restaurierungswerkstatt bearbeitet.
Auch die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung sagte ihre Unterstützung für die Publikation eines Ausstellungskatalogs zu. Dadurch konnte nicht nur der Nachlass selbst, sondern auch das umfangreiche Wissen Inge Knoblauchs gesichert werden.
Mit der Beauftragung der Restaurierungsarbeiten war es jedoch nicht getan. Schnell zeigte sich, dass wir mit dem Nachlass nicht nur kunsthistorische, sondern auch stadtgeschichtliche Pionierarbeit zu leisten hatten. Zwar hatte die Städtische Sammlung Freital bereits 2018 eine Ausstellung zu Georg Lührig gezeigt, doch stand uns nun erstmals sein gesamter künstlerischer Nachlass uneingeschränkt zur Verfügung. Wir verstanden unsere Ausstellung als Ausgangspunkt, um Georg Lührig wieder in jene Dresdner Künstlerkreise einzuordnen, denen auch Sascha Schneider, Richard Müller, Hans Unger und Oskar Zwintscher angehörten. Zugleich sollte der Blick auf den gesamten Nachlassbestand gelenkt werden, damit dieser auch über unsere Ausstellung hinaus weiter erforscht werden kann.
Denn um 1900 war Georg Lührig in Dresden eine feste Größe: Selbst der Starfotograf Hugo Erfurth, der Persönlichkeiten wie Bundeskanzler Konrad Adenauer oder Bauhausdirektor Walter Gropius porträtierte, fertigte von Georg Lührig mehrere Aufnahmen an. Nach seiner Tätigkeit als Zeichenlehrer am Königshof in Rumänien und seiner Berufung als Professor an die Kunstgewerbeschule Dresden, die er auch zweimal als Rektor leitete, zählte Georg Lührig zur künstlerischen Elite der Stadt. Dass Georg Lührig heute nicht mehr in einem Atemzug mit diesen Künstlern genannt wird, ist vor allem eine Folge der Zerstörungen des zweiten Weltkriegs. Als Monumentalmaler schuf er zahlreiche Arbeiten für öffentliche Gebäude in Dresden. Sein bekanntestes Fresko, die Gegenüberstellung von Tag und Nacht, befand sich im Lichthof des ehemaligen Königlichen Kultusministeriums. Die im Nachlass überlieferten Skizzen und Studien sind daher die einzigen Zeugnisse jener Werke, die einst das Dresdner Stadtbild prägten.
Genau hierin lag auch unsere größte Herausforderung: Wie können gänzlich zerstörte Arbeiten für ein heutiges Publikum in ihrer monumentalen Form wieder erlebbar gemacht werden? Wie können wir unseren Besucher:innen den Nachlass eines Künstlers zugänglich machen, der aufgrund seines Umfangs nicht vollständig gezeigt werden kann? Und wie lassen sich daraus Werke präsentieren, die zu fragil sind, um überhaupt montiert zu werden?
Die Antworten auf diese Fragen lieferte unsere Digitaleinheit. Sie konzipierte die digitalen Elemente der Ausstellung und setzte sie mit Förderung des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur aus Mitteln des Hessischen Ministeriums für Digitalisierung und Innovation um.
Schon beim Betreten der Ausstellung erwartet die Besuchenden die erste von vier Medienstationen. Sie vertieft das Monumentalbild Sascha Schneiders, das die Kampf- bzw. Aufbruchsstimmung der Dresdner Kunstszene um 1900 in Gestalt einer geschlossenen Männergruppe visualisiert. Bereits in der zeitgenössischen Presse vermutete man, dass sich hinter den Figuren reale Künstlerpersönlichkeiten aus Sascha Schneiders Umfeld verbergen. Diese Spekulationen greift die Anwendung auf: Durch Tippen auf einzelne Figuren erfahren Besuchende mehr über deren etwaige Identität – darunter natürlich auch Georg Lührig selbst.
Im Zentrum der Ausstellung steht jedoch ein Medientisch, der in acht chronologisch aufgebauten Kapiteln durch Georg Lührigs künstlerische Karriere führt und dazu einlädt, interaktiv in seinen Nachlass einzutauchen. Inspiriert durch die Arbeit mit Lührigs Nachlass im eigenen Depot, sollte dieser auch für unsere Besuchenden so realitätsnah und immersiv wie möglich zugänglich gemacht werden. Gleichzeitig soll der Medientisch veranschaulichen, wie umfangreich das Werk Lührigs ist und mit welchen Themen sich der Künstler zeitlebens beschäftigte und welche Materialien und Techniken er hierfür einsetzte.
So wurde eine interaktive Anwendung speziell für den Nachlass Lührigs entwickelt, die aber gleichzeitig so vorausschauend konzipiert wurde, dass sie auch zukünftige Ausstellungen in unserem Haus digital bereichern wird. Den Korpus baute unsere hauseigene Werkstatt, sodass unsere Digitaleinheit schnell mit der Hardware „einziehen“ konnte.
Spielerisch lassen sich Foto- und Dokumentenstapel durchwühlen, Skizzenbücher und Mappenwerke durchblättern, einzelne Arbeiten herausnehmen, nebeneinanderstellen und miteinander vergleichen. Dadurch werden auch umfangreiche Werkzyklen einsehbar, die im Ausstellungsraum selbst keinen Platz finden. Auch die im Original bis zu sechs Meter langen Papierbahnen können ausgerollt und im Detail begutachtet werden. Somit macht der Medientisch auch unsere museale Sammlungs- und Forschungsarbeit erlebbar: Das Sichten und Vergleichen von Objekten, das sonst „hinter den Kulissen“ stattfindet, wird hier integraler Teil des Ausstellungserlebnisses.
Seinen größten Mehrwert entfaltet er jedoch dort, wo er selbst in Interaktion mit den gehängten Werken tritt. So zeigen wir zu Georg Lührigs Rumänienaufenthalten Fotografien, auf denen er die Landbevölkerung und die Landschaft festhielt, die als Studien für seine Gemälde dienten. Diese werden in unmittelbarer Nähe des Medientischs ausgestellt.
Ein weiteres Highlight ist die digitale Rekonstruktion von Georg Lührigs Hauptwerk, der Freskenarbeiten im ehemaligen Dresdner Kultusministerium. Ausgangspunkt war die einzige im Nachlass enthaltene Sepia-Fotografie des Freskos Der Tag. Diese wurde zunächst in Graustufen umgewandelt und bildete gemeinsam mit mehreren durch uns digitalisierten Vorzeichnungen sowie Transkriptionen von Notizen und zeitgenössischen Artikeln über das Fresko die Basis für einen mehrstufigen, digitalen Rekonstruktionsprozess: Verschiedene Anwendungen von künstlicher Intelligenz vergrößerten und kolorierten die erhaltene Sepia-Fotografie und näherten das Ergebnis an Georg Lührigs charakteristischen Malstil an.
Zum Fresko Die Nacht, das sich im ehemaligen Dresdner Kultusministerium an der gegenüberliegenden Wand befand, lagen hingegen weder historische Gesamtaufnahmen noch farbige Vorzeichnungen vor. Das Wandbild musste also zunächst aus einzelnen Kohle-Skizzen aufwändig montiert werden, bis es mit entsprechenden zeitgenössischen Beschreibungen der Farbgebung denselben Prozess durchlaufen und rekonstruiert werden konnte.
Der digitale Rekonstruktionsprozess durchlief mehrere Feedback‑Schleifen mit Inge Knoblauch – der Person, die Lührigs Werk am besten kennt – und anschließende Anpassungen der Modelle künstlicher Intelligenz und deren Arbeitsanweisungen sowie manuelle Farbkorrekturen, bis sie die Authentizität bestätigte.
Die Besuchenden passieren den Medientisch und stehen nun vor einer großformatigen Projektion, die diese beiden Fresken in ihrer ursprünglichen Dimension wieder aufleben lässt. Die gezeigte Animation zeigt nacheinander die einzelnen Segmente der Fresken und haucht ihnen wieder Farbe ein. Eine begleitende Medienstation führt die Besuchenden durch die Geschichte der Fresken – von der Ausschreibung des Kultusministeriums 1904 bis zur digitalen Rekonstruktion durch das Museum Wiesbaden im Jahr 2026.
Die Rekonstruktionen und interaktiven Medienstationen der Ausstellung „Jugendstil und Symbolismus – Georg Lührig: Ein Meister aus Dresden“ (22 Mai 26 — 17 Jan 27) zeigen, wie wichtig analoge und digitale Sammlungsarbeit ist: Sie erhält Kunst, rekonstruiert Verlorengegangenes und macht Konvolute spielerisch wieder der Öffentlichkeit zugänglich. Sie ermöglicht Einblicke, die bisher allein der Familie des Künstlers und – ohne technische Innovation – ausschließlich Museumsmitarbeitenden vorbehalten waren. Darüber hinaus macht sie unsere Forschungsarbeit am Museum transparent.
Wir laden Sie herzlich dazu ein, unsere digitalen Angebote im Rahmen dieser Sonderausstellung zu testen: Lernen Sie den Künstlerkreis um Georg Lührig kennen, erleben Sie die digitalen Rekonstruktionen in Originalgröße, begleiten Sie die Ausstellung mit der Audiotour in der MuWi App und begeben Sie sich am Medientisch „Auf Entdeckung ins Archiv“ – und wenn Sie ganz genau hinschauen, entdecken Sie vielleicht sogar ein Papierfischchen, das sich in den Digitalisaten versteckt hält: Ein Fingertipp darauf startet ein kleines Geheimspiel, das den nie endenden Kampf gegen die Schädlinge – und für die Konservierung von Kunst – spielerisch aufgreift.
Über die Autor:innen:
Helene Kokenbrink ist Kunsthistorikerin (M.A.) und derzeit als Wissenschaftliche Volontärin am Museum Wiesbaden tätig. Bei ihrer Arbeit in der Digital Unit und den Kunstsammlungen liegt ihr Fokus auf der Digitalisierung und der kunsthistorischen Forschung.
Dr. Marc Lieser ist Verantwortlicher für Digitale Strategie und Digital Outreach am Museum Wiesbaden. Sein Schwerpunkt liegt auf der Konzeption und Entwicklung nachhaltiger digitaler Formate für Ausstellungen vor Ort und online.