Osterspaziergang im Museum Wiesbaden

Blicken Sie gemeinsam mit Museumsdirektor Andreas Henning auf verschiedene Epochen der Kunstgeschichte.

Die Museumstüren sind verschlossen. Keine Besucherin und kein Besucher kann in Zeiten der Covid-19-Pandemie vor die Exponate der Kunstgeschichte und der Naturhistorischen Sammlungen treten, um sie im Original zu betrachten. Und kein Buch und kein Stream, kein Blog und kein Posting kann die direkte Begegnung mit den realen Ausstellungsstücken ersetzten. Aber neugierig machen und Interesse wecken, das können sie. Ab sofort gibt es dafür auch den neuen MuWi Blog.

Den Blog möchten wir mit einem Osterspaziergang eröffnen.
Sie sind herzlich eingeladen.

Unser österlicher Spaziergang durch das Museum Wiesbaden führt an vier Kunstwerken vorbei, die zentrale Etappen der Passionsgeschichte Christi zeigen. Wir bewegen uns durch verschiedene Epochen, denn sowohl für die Künstler des Mittelalters, als auch für die Maler der Renaissance und des Barocks gehörte es selbstverständlich dazu, die biblischen Geschichten künstlerisch umzusetzen. Ob als Gemälde, Skulptur, Zeichnung oder Grafik, jeder Künstler suchte mit seinen Mitteln die überlieferten Ereignisse sinnfällig zu machen.

Oberdeutscher Maler, „Christus am Ölberg“, um 1520, Tempera auf Lindenholz, 91,5 x 76,0 cm, Museum Wiesbaden
Oberdeutscher Maler, „Christus am Ölberg“, um 1520, Tempera auf Lindenholz, 91,5 x 76,0 cm, Museum Wiesbaden

Lassen Sie uns den Osterspaziergang mit einer Begebenheit am Ölberg beginnen, die sich gemäß den Evangelien am Gründonnerstag zutrug. Diese Szene wurde von einem Oberdeutschen Maler gemalt, um dessen konkreten Namen sich die Kunsthistoriker noch streiten. Stilistisch gesehen dürfte sie um 1520 als Teil eines Passionszyklus entstanden sein.

Das Bild zeigt eine weite Landschaft mit der Stadt Jerusalem im Hintergrund. Dort hatte Christus mit seinen Jüngern das Letzte Abendmahl gefeiert, bevor er den Garten Gethsemane am Fuße des Ölbergs aufsuchte. Der Aufbau des Gemäldes macht klar, dass Christus die Hauptfigur ist. Er kniet auf der Wiese, Kopf und Hände in Richtung eines Engels erhoben, der in den Wolken erscheint. Im Bewusstsein um die bevorstehende Kreuzigung suchte Christus das Gebet mit Gottvater. Wie überliefert, fließen Blutstropfen wie Schweiß von dem in Angst mit sich Ringenden herab. Sein Blick gilt dem Kelch, den der himmlische Bote hält. Ungewöhnlicherweise hat der Maler zu Verdeutlichung der Szene in diesen Kelch ein Kreuz hineingestellt. Denn gemeint ist das Gebet Christi: „Vater, willst du, so nehme diesen Kelch von mir, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ (Lk 22, 42). Dargestellt ist also der Moment, in dem Christus sein Einverständnis in den göttlichen Willen gibt und damit zugleich seinen eigenen Tod am Kreuz als Teil der Heilsgeschichte auf sich nimmt. Die Größe dieser Tat wird sichtbar durch den Kontrast zu den drei Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes, die Christus in diesem entscheidenden Moment nicht beistehen konnten, sondern in tiefen Schlaf verfielen. Im Hintergrund ist bereits auf den Fortgang der Geschichte verwiesen: Judas kommt mit einer Schar bewaffneter Soldaten, um Christus zu verraten.

Bevor unser Spaziergang weiter zur zweiten Etappe geht, ist noch zu bemerken, dass das Gemälde trotz aller Dramatik die Harmonie und Ausgeglichenheit der Renaissance atmet. Das nächste Bild zeigt einen gänzlich anderen Charakter.

Luca Giordano; „Dornenkrönung Christi“, um 1657/60, Öl auf Leinwand, 132 x 182 cm, Museum Wiesbaden
Luca Giordano; „Dornenkrönung Christi“, um 1657/60, Öl auf Leinwand, 132 x 182 cm, Museum Wiesbaden

Die „Dornenkrönung Christi“ ist ein Werk des Barocks. Sie stammt von dem italienischen Maler Luca Giordano (1634—1705) und weist eine stark durch Caravaggio beeinflusste dramatische Lichtregie und einen schockierenden Realismus auf. Das Bild führt uns die Verspottung und Misshandlung des Gottessohns vor Augen. Er wurde nach seiner Gefangennahme am Ölberg und dem Verhör durch den römischen Statthalter Pontius Pilatus von den Soldaten gegeißelt und gedemütigt. Wie dargestellt, setzten sie ihm eine Dornenkrone auf, warfen ihm einen purpurnen Umhang um und drückten ihm einen Stock als Zepter in die Hände, um ihn als König zu verhöhnen. Giordano macht die abgrundtiefe Erniedrigung Christi drastisch deutlich. Wobei sein entscheidender Kunstgriff darin besteht, dass er das dramatische Geschehen rigoros entschleunigt und das Motiv auf das Herunterdrücken der Dornenkrone konzentriert. Mit was für einer Ruhe und Präzision nimmt der Scherge diese Marter vor. Und mit welchen Schmerzen muss das Einstechen der Dornen in die Kopfhaut des Gottessohnes verbunden sein, wenn der Peiniger zu seinem eigenen Schutz solche dicken Handschuhe anzieht. Modern gesprochen müsste man hier geradezu von Zeitlupe sprechen, was sich bei einem Gemälde natürlich paradox anhört. Doch setzt der Künstler alles daran, um die Demut zu fassen, mit der Christus die Pein erduldet. Diese ruhige Hinnahme der Tortur verdeutlicht das Einverständnis des Gottessohns mit seiner heilsgeschichtlichen Rolle. Giordano malte keine passiv leidende Figur, sondern stattete sie mit einer immensen inneren Stärke aus.

Bei diesem Werk erleben wir eine hochemotionale Sprache. Mit ihr suchten die Barockkünstler die Gefühle des Betrachtenden so intensiv wie möglich herauszufordern. Bilder sollten nicht nur zur Freude bereiten und die Reflexion fördern, sondern ebenso starke Emotionen im Rezipienten entfachen, damit sich das Gesehene tief ins Gedächtnis prägt und zu einer nachdrücklichen inneren Auseinandersetzung führt.

Franz Floris, „Kreuzigung Christi“, um 1560, Öl auf Holz, 130 x 105 cm, Museum Wiesbaden
Franz Floris, „Kreuzigung Christi“, um 1560, Öl auf Holz, 130 x 105 cm, Museum Wiesbaden

In die Epoche zwischen Renaissance und Barock ist unsere dritte Station einzuordnen. Es handelt sich um die „Kreuzigung Christi“, die der Maler Franz Floris (1515/20—1570) in Antwerpen malte. Er wurde gern auch der „niederländische Raffael“ genannt und darf deshalb im aktuellen Raffael-Jahr nicht fehlen. Diese Bezeichnung geht darauf zurück, dass Floris sich länger in Italien aufgehalten hatte, was deutliche Spuren in seiner Darstellungsweise hinterließ. Sein Wiesbadener Tafelbild zeigt Christus am Kreuz, flankiert von den beiden Schächern, die zeitgleich mit ihm gekreuzigt wurden. Die in den Evangelien überlieferte Dramatik des Geschehens ist anschaulich in Szene gesetzt. Meisterhaft hebt die Lichtregie die Gestalt des Gottessohns hervor. Nicht minder eindringlich sind die Reaktionen der Figuren am unteren Bildrand dargestellt. Ohnmächtig vor Schmerz sinkt die Mutter Christi zusammen. Sie wird von zwei der in der Bibel erwähnten trauernden Frauen umsorgt, während der Jünger Johannes die Hände ringend unter dem Kreuz kniet.

Eine solche erzählerische Ausweitung der Kreuzigungsszene ist typisch für den Manierismus. Um dafür den nötigen Platz zu schaffen, hat Floris die Kreuze diagonal gestellt. Und mit dieser Nebenszene bietet er mehrere Möglichkeiten, in die Geschichte des Bildes einzusteigen und die Passion zu vergegenwärtigen.

Januarius Zick, „Auferstehung Christi“, Kreidezeichnung auf Karton, 59,8 x 42,5 cm, Museum Wiesbaden
Januarius Zick, „Auferstehung Christi“, Kreidezeichnung auf Karton, 59,8 x 42,5 cm, Museum Wiesbaden

Abschließend gelangen wir auf unserem Osterspaziergang zu einer Zeichnung. Sie wird aus konservatorischen Gründen im Depot verwahrt. Mit ihr befinden wir uns in der Zeit des Spätbarocks. Januarius Zick (1730—1797) hat sie geschaffen. Das bildmäßig ausgeführte Blatt zeigt Christi Auferstehung am Ostersonntag. Die Dynamik dieses Ereignisses zeichnet sich im gesamten Körper des Gottessohns ab und wird visuell durch die sich aufbauschenden Stoffbahnen verstärkt. Zusätzlich unterstützen nicht minder einprägsam ein schräg aufragender Steinquader und die geöffnete Grabplatte den an sich unfassbaren Eindruck von der Überwindung der irdischen Gesetze. Dazu kommen als wirkmächtiger Kontrast die drei Soldaten, die der souveränen Gestalt Christi als hilflose Bewacher gegenüberstehen. Einer der Soldaten ist noch vom Schlaf umfangen. Der Glatzköpfige mit der Lanze in der Hand vermag nur dem auffahrenden Gottessohn hinterher zu blicken, während der Dritte in die Leere des Grabes schaut.

Auch Januarius Zick fordert als spätbarocker Künstler das emotionale Miterleben des Betrachters heraus. Wie die anderen drei Werke unseres Osterspaziergangs — so stilistisch verschieden sie auch sind — appelliert es an unsere Teilhabe und eröffnet einen Raum, der zum individuellen Nachdenken anregt. Am wirkungsvollsten ließe sich das natürlich vor Ort im Museum Wiesbaden erleben. Doch muss es aus gegebenem Anlass noch geschlossen bleiben. Dann aber, wenn es wieder geöffnet ist, wird der Blick auf die Originale vielleicht eine umso größere Freude bereiten. Und die Möglichkeit bieten, darüber hinaus viele weitere Werke und Objekte zu entdecken.

Mit den besten Wünschen zum Osterfest,

Ihr Andreas Henning
Direktor

 

alle Abbildungen: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert