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Winston Roeth — Speed of Light

AUSSTELLUNGEN

Dr. Jörg Daur und Künstler Winston Roeth während des Ausstellungsaufbaus. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert

Sahara! Gleißendes Licht, Hitze, Flimmern

Winston Roeth, Sahara, 2000, Museum Wiesbaden, Sammlung Mondstudio (rechts); Untitled Drawing I, 2005, Museum Wiesbaden (links). Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
Winston Roeth, Sahara, 2000, Museum Wiesbaden, Sammlung Mondstudio (rechts); Untitled Drawing I, 2005, Museum Wiesbaden (links). Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert

So stelle ich mir die Sahara vor. Natürlich, irgendwo soll es auch Oasen geben. Ich weiß, auch die Wüste lebt. Aber nicht auf diesem Bild. Hier nähern sich eine Fläche in Orange und eine weiße Fläche an, sitzen ganz knapp aufeinander, in die Breite gestreckt. Der feine Spalt zwischen ihnen könnte der Horizont sein.

Seit über zehn Jahren kenne ich dieses Bild von Winston Roeth. Es ist als Dauerleihgabe der Sammlung Mondstudio hier. Wie oft stand ich davor und habe versucht, den flimmernden Spalt zu fassen. Und jedes Mal dehnt sich, sobald ich mich auf das Bildzentrum fokussiere, die Erscheinung der Tafeln in den Raum, umfängt mich und gibt mir das Gefühl, ins gleißende Licht der Sahara zu schauen.

Winston Roeth malt Farbe, er malt mit reinem Pigment und orchestriert dabei Farbwirkungen, die uns an Lichtstimmungen erinnern: die Himmel, Landschaft, den Tag oder auch die Nacht vor unserem inneren Auge aufrufen und mit dem Gesehenen in Verbindung bringen. Seit 2014 ist Quiet Night in unserer Sammlung. Dunkle Blautöne, Violett, Schwarz, ein Nachthimmel vielleicht? Eine Besucherin wähnte einmal den Himmel von Chicago im Bild, nachts über dem Michigansee. Und ja, Winston Roeth stammt aus Chicago, und ja, vielleicht hat er hier die Erinnerung an diesen Himmel ins Bild gepackt. Auf die Schiefertafeln, Schindeln, die er mit feinem Pigment bestäubt. Auf denen er in wässriger Lösung (Polyurethandispersion) Pigmente fein vermalt. Keine Tafel gleicht der anderen, keine Farbe wiederholt sich. Die eine schillernd, die andere matt.

Vor einigen Jahren begann Roeth verschiedenfarbige Tafeln im Raster zu kombinieren. Nun hatte er die Möglichkeit, unterschiedliche Farben nebeneinander und damit in Beziehung zu setzen. Davor hatte er meist monochrome Bilder geschaffen, mit einem schmalen, farbig abgesetzten Rand: ein Rahmen, der den pulsierenden Farbflächen Halt gibt. Nun also die Kombination aus mehreren Farben, unendlich viele Farben, in der Wahrnehmung gleicht nicht eine der anderen. Und dennoch ohne Hierarchie. Es gibt keine vorgegebene Richtung, keine Farbe die zuerst gesehen werden muss oder soll. Dabei spricht Roeth von Speed of Light und meint damit die Geschwindigkeit, in der wir eine Farbe auf der Fläche wahrnehmen, eher vielleicht aufnehmen, will heißen, wie lange, wie intensiv wir mit dem Auge darauf verweilen.

Goldene Rahmen leiten den Blick um die Farbflächen – mit feinen Schwämmchen gezogen, der Farbton des Untergrunds dringt noch durch. Das Auge aber gleitet über die Kante, fasst das Bild und gibt dem Farbraum im Zentrum Halt. Die Farbe öffnet sich in den Raum, wird Fenster und Lichtkasten zugleich, der sein Strahlen über uns ausgießt. Je nach Standpunkt meinen wir durch die Oberfläche sehen zu können, oder aber von ihr umfangen zu werden, einzutauchen in die Farbe, jene beinahe körperlich spürend. Im Gegensatz zu den Schiefertafeln sind die Oberflächen jetzt glatt, keine Erhebung trübt den Farbraum, stört den Eindruck gleichmäßigen Leuchtens. Die Oberflächen sind dem Maler wesentlich – und, wie das Pigment sich auf diesen verhält. Schillernd, schimmernd, matt, oder doch wieder anders, je nach Standpunkt und Lichteinfall.

Winston Roeth in der Ausstellung "Speed of Light" im Museum Wiesbaden. Foto: Museum Wiesbaden / Christoph Boeckheler
Winston Roeth in der Ausstellung "Speed of Light" im Museum Wiesbaden. Foto: Museum Wiesbaden / Christoph Boeckheler

Gemalte Linien überziehen die Oberfläche. Nur scheinbar monochrom, trägt doch jede davon ihre eigene Farbe, jedes Kästchen seinen eigenen Gehalt. Das Raster beginnt zu atmen, bringt Rhythmus ins Bild und ist doch im Grunde nichts anderes, als die wieder und wieder projizierte Rahmung des Bildes. Die Kanten werden nach Innen gespiegelt, horizontal, vertikal. Der Rahmen macht das Bild.

Mit feinem Gespür fertigt Winston Roeth seine Malerei. Mit feinem Gespür hat er sie in Wiesbaden inszeniert. Die Klarheit seiner Werke zeigt sich auch in der Installation. Jede Arbeit hat ihren ganz eigenen Charakter, öffnet uns im Schauen einen eigenen Kosmos.

Roeth, geboren 1945 in Chicago, lebt nach Jahren in Manhattan/New York heute in Beacon (NY) und Waldoboro (Maine). Er ist gern in der Natur. Er liebt das Licht. Und auch wenn seine Bilder keine Abbilder sind, so zeigen sie uns doch auf ihre Weise die Schönheit unserer Welt. Jede Arbeit zeigt das ganz besondere Licht eines Augenblicks, einer Stunde, eines Ortes. Auch nachts – 24 hours a day. Visuelle Erscheinungen, schwankende Wahrnehmungen, Rasterstrukturen, die ihren ganz eigenen Raum aufmachen: in der Begegnung mit der Malerei von Winston Roeth zeigt sich das Potential der eigenen Wahrnehmung, darüber hinaus aber vor allem die Kraft der Farbe in der Malerei.

 

Dr. Jörg Daur
Kustos moderne und zeitgenössische Kunst

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