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Sehnsuchtsobjekte Teil II

Ab heute, 12. Mai 2020, ist das Museum Wiesbaden wieder für die Öffentlichkeit geöffnet - und die Sehnsucht nach unterschiedlichen Exponaten ist besonders groß.

Worauf freuen sich unsere Besucherinnen und Besucher am meisten? Welche Sehnsuchtsobjekte haben sie vermisst?

Der Aufruf von Museumsdirektor Dr. Andreas Henning in seinem Osterbrief, uns über die persönlichen Sehnsuchtsobjekte zu informieren, hat großen Anklang gefunden.
Wir möchten Sie in diesem Blogbeitrag "Sehnsuchtsobjekte Teil II" an den vielen Einsendungen teilhaben lassen und uns bei den Mitgliedern unseres Freundeskreises - Freunde des Museums Wiesbaden e V. - für die Inspiration bedanken!

Für Bärbel Clemens gehört ein "Stop-By" an der Skulptur "A Tale of the Sphinx" von Katsura Funakoshi während jedes Museumsbesuches dazu.
Für Bärbel Clemens gehört ein "Stop-By" an der Skulptur "A Tale of the Sphinx" von Katsura Funakoshi während jedes Museumsbesuches dazu.

Die Skulptur A Tale of the Sphinx im Kirchensaal

Wann immer ich im Museum bin, gehe ich in den Kirchensaal, um die Wiesbadener Skulptur von Katsura Funakoshi "A Tale of the Sphinx" zu sehen.
Diese Holzfigur ist gleichzeitig fein und stark, präsent und entrückt. Sie ist im Kirchensaal umgeben von Holzskulpturen, die Hunderte von Jahren älter und die für einen bestimmten religiösen Kontext entstanden sind. "A Tale of a Sphinx“ läßt sich davon nicht beirren, sie bezieht sich nicht darauf, sie grenzt sich nicht ab, sie bleibt bei sich. Mir fällt keine anderer Platz im Museum ein, wo sie besser stehen würde.

Mich fasziniert ihre Präsenz, ihre Konzentration und ihre Innerlichkeit. Alles, was ich mitgebracht habe aus meinem Alltag, was in anderen Exponaten in der Dauerausstellung oder in einer der gerade aktuellen Ausstellung thematisiert wird, tritt gegenüber dieser Figur zurück. Sie hat etwas Eigenes und Eindringliches, das sie mir anbietet, aber nicht aufdrängt.

Ich erinnere mich gerne an die wunderbare Ausstellung von 2015, wo die Wiesbadener Sphinx umgeben war von anderen Figuren von Funakoshi. Die einzelnen Skulpturen waren spannungsvoll miteinander verbunden und aufeinander bezogen. Die wunderbaren Abbildungen in dem Ausstellungskatalog halten diesen dichten Eindruck fest. Für mich gehört ein kurzer Besuch bei dieser Skulptur zu jedem Museumsbesuch dazu; dies ist also für mich ein Sehnsuchtsort in "meinem" Museum.

Kuratorin für Bildung und Vermittlung Astrid Lembcke-Thiel erwartet voller Sehnsucht, Kinder und andere zeichnend forschende Besucherinnen und Besuchern in den Sammlungen von Kunst und Natur, wie das Bild von Aslan, 5 Jahre eindrucksvoll zeigt. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.
Kuratorin für Bildung und Vermittlung Astrid Lembcke-Thiel erwartet voller Sehnsucht, Kinder und andere zeichnend forschende Besucherinnen und Besuchern in den Sammlungen von Kunst und Natur, wie das Bild von Aslan, 5 Jahre eindrucksvoll zeigt. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.

"Im Moment"

Das hingebungsvolle, "im Moment sein" zeichnender Kinder in den Sammlungen von Kunst und Natur ist etwas, was ich unglaublich vermisse.

Ist es doch eines meiner großen Anliegen als Kuratorin für Bildung und Vermittlung solche Frei- und Schutzräumen - jenseits von Bewertung und Vergleich - zu ermöglichen.

Zeichnen und Malen zählen zu den beliebtesten Ausdrucksformen von Kindern in der frühen Kindheit. Diese ästhetisch- forschenden Aktivitäten als Bausteine der Kulturellen Bildung, sind per UNESCO Definition ein grundlegendes Menschenrecht, geht es doch stets um mehr als die Herstellung eines "schönen Bildes“. Kinderzeichnungen sind Ausdruck und Mitteilung kindlicher Wahrnehmung, ihrer jeweiligen Vorstellungen und Gefühle.

Ein Museum wie das unsere ist ein idealer Ort dafür.

Rena Buderus Sehnsuchtsobjekt ist derzeit in der Sonderausstellung „Lebensmenschen — Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin“ zu sehen.
Rena Buderus Sehnsuchtsobjekt ist derzeit in der Sonderausstellung „Lebensmenschen — Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin“ zu sehen.

Alexej von Jawlensky, Helene im spanischen Kostüm, 1904

Immer wieder zieht es mich zu meinem absoluten Sehnsuchtsobjekt in die Ausstellung Lebensmenschen. Es ist dort mein Lieblingsgemälde in Lebensgrösse „Helene im spanischen Kostüm“ (ein Geschenk von Frank Brabant an das Museum Wiesbaden). Allein die Geschichte und das Leben dieses Dienstmädchens ist faszinierend.
Sie wurde von der Malerin Marianne von Werefkin eingestellt. Diese lebte 29 Jahre mit Alexej von Jawlensky zusammen. 1902 bekommt Helene den Sohn Andreas, sein einziges Kind. Jawlensky heiratet sie und zieht mit ihr nach Wiesbaden in die Beethovenstrasse. Was für eine schöne Geschichte des Lebens eines grandiosen Lebenskünstlers und Malers.

Auch Jutta Szostaks Sehnsuchtsobjekt ist Teil unserer aktuellen "Lebensmenschen"-Ausstellung.
Auch Jutta Szostaks Sehnsuchtsobjekt ist Teil unserer aktuellen "Lebensmenschen"-Ausstellung.

Marianne von Werefkin, Ave Maria, 1927

"Helene im spanischen Kostüm" muss warten. Mein für gewöhnlich bevorzugtes Bild muss einem anderen weichen, das von ihrer ehemaligen Dienstherrin gemalt worden ist. Nach der Wiedereröffnung des Museums werde ich zu Marianne von Werefkin stürmen und mich in ihr Gemälde "Ave Maria" versenken.

Rätselhaft, mystisch, eines von diesen Wege-Motiven, von denen man gern wüßte, wohin sie führen. Assoziationen an expressionistische Stummfilme, verschobene Welten in lauten Farben.

Max Beckmann, Weiblicher Akt mit Hund, 1927

Mein Sehnsuchtsobjekt ist Max Beckmanns "Weiblicher Akt mit Hund", das ich mit Begeisterung im Herbst im hinteren Raum wieder hängend fand. Zum ersten Mal gesehen habe ich das Bild in einer Beckmann-Ausstellung der Tate Modern in London. Dass es dann zum Bestand des Museums meiner seit 2002 neuen Heimatstadt Wiesbaden gehört, war mir eine große Freude. Und seitdem ist es immer die Wiedersehens-Freude. Neben vielen "dunklen", manchmal theatralischen Beckmann-Bildern genieße ich hier diese Leichtigkeit, Lässigkeit und das Auf-den Kopf-Gestellte der Bildkomposition. Das zaubert immer wieder ein Lächeln. Damit die Sehnsucht nicht übermächtig wird, habe ich mir das Museums-Plakat mit dem Motiv vorübergehend aufgehängt. Meine Vorfreude auf die Live-Begegnung mit dem Bild bleibt groß.

Robert Seidel, Rauminstallation Grapheme, 2013

Mein Sehnsuchtsobjekt ist die Rauminstallation "Grapheme“ von Robert Seidel im Eingangsbereich der Alten Meister. Ich finde dies eine sehr gelungene Lösung für die eigentlich schwierige Raumsituation. Die beschwingte Installation, die durch die Spiegelwand den Besucher gleich mit einbezieht, regt die Fantasie an und versetzt uns gleich in eine positive Stimmung. Die Arbeit hat etwas Tänzerisches, das mich immer wieder aufs Neue bezaubert. Im ersten Raum der Alten Meister folgen dann weitere Highlights, aber das sind dann weitere Sehnsuchtsobjekte.

Dieter Goergen zieht es immer wieder zum Bildwerk "L'Oracle à Dodone" (1896) von Jean Delville (hier: Detailansicht) aus unserer Sammlung "Jugendstil. Schenkung F. W. Neess“. Foto: Markus Bollen.
Dieter Goergen zieht es immer wieder zum Bildwerk "L'Oracle à Dodone" (1896) von Jean Delville (hier: Detailansicht) aus unserer Sammlung "Jugendstil. Schenkung F. W. Neess“. Foto: Markus Bollen.

Jean Delville, L'Oracle à Dodone, 1896

Meine besondere Liebe im Museum gilt der großartigen Jugendstil-Sammlung. Bei meinen wiederholten Besuchen dort zieht es mich besonders zu den Bildwerken der Symbolisten und hier vor allem zu Jean Delville, Loracle à Dodone. Da ich aufgrund seiner Rätselhaftigkeit immer wieder aufs Neue fasziniert bin und immer wieder davor stehe, um Weiteres zu entdecken, könnte ich es ohne weiteres als mein "Sehnsuchtsobjekt" bezeichnen. Die in der Publikation "Ruf des Progressiven" (Seite 94) angebotenen kunsthistorischen Fakten und Interpretationen einzelner Bildinhalte kann ich mir zu eigen machen. Darüber hinaus erschließt sich das Bild in hervorragender Art und Weise aus seiner  Symbolik der Links-rechts-Seitigkeit (bewußt-unbewußt/männlich-weiblich/Gegenwart-Vergangenheit/real-irreal usw.). Aus der psychologischen Kunstbetrachtung kommend habe ich den Zugang zu Kunstwerken über die Links-rechts-Symbolik oft in meinen Kursen und Führungen an kunsthistorische Laien benutzt. Diese Sichtweise und Betonung in der kunsthistorischen Betrachtung und Interpretation findet sich so gut wie nicht. Sie wird wohl als zu selbstverständlich hingenommen und daher nicht reflektiert. Meiner Meinung nach ist sie ein wesentlicher Fakt neben anderen rational zu erfassenden bildtechnischen Anteilen, der dazu beiträgt, ein Bild als 'schön' zu erleben und zu bezeichnen. Mein Zugang zu dem "Sehnsuchtsbild" müßte in seinen vielen Aspekten vor dem Bild geschehen.

Wie eine Besucherin hier wird auch Heike Schorn bei ihrem nächsten Besuch im Museum Wiesbaden vor die Queen ("Königin Elisabeth" von Gerhard Richter) treten.© Gerhard Richter, Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.
Wie eine Besucherin hier wird auch Heike Schorn bei ihrem nächsten Besuch im Museum Wiesbaden vor die Queen ("Königin Elisabeth" von Gerhard Richter) treten.© Gerhard Richter, Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.

Gerhard Richter, Königin Elisabeth, 1967

Ich freue mich schon darauf, Gerhard Richters zeitloser "Königin" wieder meine Reverenz erweisen zu dürfen. Sie strahlt Ruhe und Gelassenheit, gepaart mit verstecktem Humor und innerer Stärke, aus (also genau das, was wir im Moment benötigen!).
Das Gemälde erweckt in mir das Gefühl, dass Kunst nicht nur eine Abbildung des Äußeren ist, sondern auch das Wesen einfängt. Äußerlich mag man sich verändern, das Innere bleibt in seiner Struktur gleich. Gerade in der heutigen Zeit hilft der Gedanke, dass es auch Dinge gibt, die nach der Krise noch so sein werden wie zuvor.

Donald Judd, Rauminstallation Seven Cubes, 1973

Aktion "Sehnsuchtsobjekt“: Gerade in den Zeiten von Corona ist doch die Sehnsucht nach Bewegung sehr groß. Die Installation von Donald Judd erlaubt nicht nur, sondern fordert Bewegung, körperlicher, wie auch geistiger Natur. Beim Durchschreiten des Raums verändern sich die aneinander stehenden Quader, sie werden zu Rechtecken und die geraden Linien werden zu Schrägen. Bei größerem Abstand gehen die Objekte gefühlt bis zur Hüfte. Ganz nahe dran könnte man in ihnen verschwinden. Durch wechselnde Perspektive verändert sich die Installation und wird zu einem immer neuen faszinierenden Bild. Ich freue mich die Installation von Donald Judd mal wieder zu sehen.

Conrad Felixmüller, Herbstblumen mit Katze II, 1922

Wenn das Musuem wieder offen ist, möchte ich gerne wieder einmal Conrad Felximüllers Werk "Herbstblumen mit Katze II"  betrachten. Zwischen den Blumen liegt ganz entspannt die Katze - das Bild strahlt Ruhe aus, verbreitet eine schöne Stimmung. Und auch die Farblichkeit ist wunderbar. Das expressive Werk entstand während Felixmüllers bester Zeit, 1922. Ich selber habe in meiner Sammlung auch einige Bilder von Felixmüller, unter anderem aus dieser Schaffensperiode, beispielsweise von 1923 ein Porträt seines Freundes Hermann Kühn. Dieser war Lehrer an der heutigen Europäischen Bildungsanstalt Hellerau. Schön, dass wir Freunde des Museums den Ankauf der Katze 2017 unterstützt haben.

Katharina Grosse, Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume, 2015

Bei jedem Besuch des Wiesbadener Museums zieht es mich magisch zu der Arbeit von Katharina Grosse "Sieben Stunden, Acht Stimmen, Drei Bäume", die die Künstlerin anlässlich ihrer Ausstellung 2015 für das Museum Wiesbaden geschaffen hat. Diese berauschend intensive Farbenpracht! Diese mächtigen Stämme, wie sie da sturmgefällt liegenund farbüberströmt die ansonsten so geordnet wirkende Säulenhalle in einen dschungelartigen Urwald zu verwandeln scheinen! Und die riesigen mit Farbe übergossenen Stoffbahnen, die geradezu tropisch den Raum fluten und diesen Eindruck noch verstärken – man meint direkt die Geräusche des Urwalds zu hören. Für mich geht eine starke Anziehung und Kraft von dieser Installation aus, ich fühle mich immer wieder von ihr eingefangen und berauscht und bereichert.

Für Elke Fuchs ist das Werk "White Relief over Black" des Künstlers Ellsworth Kelly ein Sehnsuchtsobjekt. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.
Für Elke Fuchs ist das Werk "White Relief over Black" des Künstlers Ellsworth Kelly ein Sehnsuchtsobjekt. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.

Ellsworth Kelly, White Relief over Black, 1963

Mir gefällt die Vielseitigkeit im Museum Wiesbaden. Besonders gerne aber sehe ich mir Werke mit konkreten Formen, klaren Farben an. So schaue ich mich oft in der Kollektion der europäischen und amerikanischen Nachkriegskunst um. Es ist die Geradlinigkeit in vielen Werken, die mich fasziniert, wie sie mir auch in der Architektur am nächsten ist. Und so wird es mich nach Wiederöffnung des Hauses ganz bestimmt zu "White Relief over Black" ziehen. Der Jawlensky-Preisträger Ellsworth Kelly hat es 1963 geschaffen und ich finde es toll, dass dieses Werk mit Unterstützung der Freunde für das Museum Wiesbaden angeschafft wurde. 

Das Museum an sich ist für Birgitta Steinschulte ihr Sehnsuchtsort. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.
Das Museum an sich ist für Birgitta Steinschulte ihr Sehnsuchtsort. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.

Das Museum Wiesbaden als Sehnsuchtsort

Als ich von der Aktion "Sehnsuchtsobjekt" des Landesmuseums hörte, musste ich feststellen, dass es "das eine Objekt" für mich gar nicht gibt.
Ich sehne mich nach dem Museum in Gänze: der Architektur des Gebäudes, den Geräuschen, dem Geruch, den Menschen - eben nach allem, was dieses Museum ausmacht.
Während ich jetzt so meinen Museumserinnerungen nachhänge, fällt mir ein Gemälde aus der Knaus- Ausstellung ein, dessen Titel mir nicht mehr geläufig ist. Es stellt eine Szene in einer Scheune mit einem Gaukler oder Musiker dar, um den sich viele Menschen scharen. Ich erinnere mich, dass mir diese Scheunenszene pure Lebensfreude vermittelte und ich beinahe den Eindruck hatte,  den Geruch von verschwitzter Kleidung und staubigem Stroh wahrzunehmen.
Und noch ein "Bild“ erscheint vor meinem inneren Auge. Ich sehe die Filmsequenz der Tänzerin Loie Fuller vor mir, die man im Rahmen der Jugendstil-Ausstellung betrachten kann. Loie Fuller (1862-1928) kreierte den Schleiertanz, eine für sie persönlich äußerst kräfteraubende und schmerzvolle, körperliche Anstrengung, die ihrer atemberaubenden Darbietung nicht anzusehen ist. Diese tänzerische Verspieltheit und Grazie findet sich in etlichen Objekten der einzigartigen Ausstellung wieder. Die Vielzahl der über 500 Exponate umfassenden Jugendstil-Ausstellung führt zu ständig neuen faszinierenden Entdeckungen.

Rebecca Horn, Jupiter im Oktogon, 2007

Mein Weg wird mich in den Eingangsbereich führen, dorthin, wo jeder Museumsbesuch beginnt – bei dem wundervollen Werk von Rebecca Horn, "Jupiter im Oktogon". Diese Spiegel-Installation, seit 2007 ist sie im Museum Wiesbaden zu bewundern, wurde von der Künstlerin speziell für diesen Ort geschaffen. Eine zeitgenössische Arbeit mit präzischen technischen Abläufen fügt sich hier zeitlos in den achteckigen, historisch und regional geprägten Raum des ehrwürdigen Museumsbaus von Theodor Fischer ein. Einerseits löst sich das Werk in der Architektur komplett auf und doch entstehen - je nach Perspektive - unwirklich anmutende, scharfe und kreisrunde Einkopierungen der goldenen Kuppel, des Himmels oder des Achtecks, Spiegelkabinett-artige Effekte stellen Raum- und Körpergefühl in Frage. Der zentrale Ort erlaubt es, sich noch während des Museumsbesuchs auf ein Wiedersehen mit der geheimnisvollen Installation beim Verlassen des Hauses zu freuen - um mit höchster Wahrscheinlichkeit weitere Facetten dieses vielschichtigen Kunstwerks zu entdecken. Könnte ich doch heute schon wieder an diesem Ort sein.

Für Dr. Tom Sommerlatte ist das Museum ein Ort der Ruhe und kreativen Stimulierung. Ein besonders Highlight ist für ihn Micha Ullmans Bodenskulptur "NachTag" aus dem Jahr 2006. © Micha Ullman, Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.
Für Dr. Tom Sommerlatte ist das Museum ein Ort der Ruhe und kreativen Stimulierung. Ein besonders Highlight ist für ihn Micha Ullmans Bodenskulptur "NachTag" aus dem Jahr 2006. © Micha Ullman, Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.

Micha Ullman, NachTag, 2006

Es war ein seltsamer Zustand, vom Museum Wiesbaden und seinen Schätzen zu wissen, aber nicht hingehen zu dürfen. Ich vermisste einen Teil dessen, was mir für meinen Lebenswandel wichtig ist: die bislang als selbstverständlich angesehene Freude, an einem Ort sein zu können, wo ich über das Tagesgeschehen und seine vordergründigen Wichtigkeiten hinaus in aller Ruhe kreative Stimulierung erleben kann.

Woran liegt es, dass das Museum Wiesbaden diese Ruhe und Stimulierung bietet?

Ja, es gibt Highlights, die mich besonders berühren und bewegen. In der Kunst sind es für mich Jawlenskys Variationen seines Blicks in den Garten, in der Naturhistorischen Sammlung ist es die Faszination der Farben, Formen und Bewegungen, mit denen die Natur sich als unüberbietbare kreative Schöpfung erweist. Gerade diese Wechselbeziehung Kunst-Natur stellt für mich immer wieder das stimulierende Erlebnis dar, das ich nicht missen möchte.

Aber über die Highlights hinaus ist es die besondere Atmosphäre des Museums Wiesbaden, die ich genieße und die mich schon im Eingangsoktogon mit den irritierenden Spiegelungen von Rebecca Horn umfängt und in der Bodenskulptur NachTag von Micha Ullman ein erregendes Pendant erhalten hat.

Jan Baechles Lieblingsbild: "Blühender Baum" von Louis Eysen. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.
Jan Baechles Lieblingsbild: "Blühender Baum" von Louis Eysen. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.

Louis Eysen, Blühender Baum

Wenn ich – hoffentlich bald -  ins Museum gehen darf, dann schaue ich mir mal wieder die Wand mit den Bildern von Louis Eysen an. Mein Lieblingsbild ist der wilde Rosenstrauch. Kaum ein deutscher Impressionist ist so genial mit der Farbe Grün umgegangen, und in Verbindung mit den rosa Blüten – das ist einfach delikate Malerei. Die "Eysens" sind im wesentlichen eine Dauerleihgabe aus Privatbesitz, aber immerhin eine der wenigen großen Eysen-Konvolute, die es überhaupt gibt, ein geheimer Schatz.

Muschelansicht in unserer Dauerausstellung. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.
Muschelansicht in unserer Dauerausstellung. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.

Muscheln, Muscheln, Muscheln


Auch zwei der jüngere Museumsfreunde - 7 und 8 Jahre - verraten uns ihr Sehnsuchtsobjekt und haben an das Museum Wiesbaden geschrieben: "Wir gehen gerne zu den Muscheln, weil uns diese an die schönen Ferien am Strand erinnern."

Für Michael Liesch ist Luca Ferraris Gemälde "Die Fesselung des Prometheus" das Sehnsuchtsobjekt. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.
Für Michael Liesch ist Luca Ferraris Gemälde "Die Fesselung des Prometheus" das Sehnsuchtsobjekt. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.

Luca Ferraris, Die Fesselung des Prometheus 

Ich werde mir nach der Wiedereröffnung Luca Ferraris "Prometheus" mit anderen Augen ansehen. Die Szenerie spiegelt aus meiner Sicht die Lage der Menschheit in der Krise auf dramatische Art und Weise wider. Der gefesselte Prometheus, der sehnsuchtsvolle, fast flehende Blick zurück auf vermeintliche Fehler und die bange Frage, wie alles werden wird. Eine mahnende Allegorie auf das Schicksal.   

Rebecca Horn, Circle of Broken Landscape, 1997

Mich fasziniert aber immer wieder die Möglichkeit, im Museum Wiesbaden dann die weiteren Installationen erleben zu können: Abzuwarten, bis sich der "Circle of Broken Landscape" wieder in Bewegung setzt, bis sich die Federn "Im Kreis des Adlers" spreizen. Die Installationen dieser vielschichtigen Künstlerin weiten die Räume, erweitern die Phantasie des Betrachters. In diesem Sinn hat Rebecca Horn 2010 auf meine Einladung hin ja auch eine Operninszenierung für die Internationalen Maifestspiele übernommen, und der "Elektra" von Richard Strauss einen solchen Raum geschaffen. Es war eine sehr interessante künstlerische Begegnung mit der außergewöhnlichen Künstlerin aus dem Odenwald!

Für Stephan Ziegler ist klar: Sein Sehnsuchtsobjekt ist Marionis "Red Painting" aus dem Jahr 2000. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.
Für Stephan Ziegler ist klar: Sein Sehnsuchtsobjekt ist Marionis "Red Painting" aus dem Jahr 2000. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.

Joseph Marioni, Red Painting, 2000

Das Bild wirkt auf den ersten Blick ganz dunkel, fast schwarz und eben nicht rot. Und erst wenn man die Bildmitte in der Betrachtung verlässt und sich die Ränder des Bildes genau anschaut  sieht man die vielfachen Lasuren des Bildaufbaus. Das Bild gewinnt an Tiefe und je länger man es betrachtet reißt das vermeintliche Schwarz auf und man sieht einen warmen, braunroten Farbklang. Für mich geht von diesem Bild eine unglaubliche Beruhigung aus und es regt mich zum Nachdenken an.

Von Anke Trischler werden am meisten die Schmetterlings-Schmuckkästchen vermisst. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.
Von Anke Trischler werden am meisten die Schmetterlings-Schmuckkästchen vermisst. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert.

 Ästhetik der Natur: Juwelen der Lüfte

Sie üben eine magische Anziehungskraft auf mich auf: Die Schmuckkästchen der Schmetterlinge!

Nach kurzen, kalten Tagen und langen Nächten werden sie beim ersten warmen Luftzug mit Sehnsucht erwartet: Schmetterlinge. Diese scheinbar ziellos flatternden Leichtgewichte, kündigen das Frühjahr und den herannahenden Sommer an. Sie sind frühe Boten der hellen und wärmenden Jahreszeit. In vielfältiger Größe, variantenreichen Formen und Farben – metallisch-glänzend, markant markiert, von prächtig bis transparent, als tänzelnder Tagfalter oder Flugakrobat in der Nacht – sind sie mir alle gleich lieb und wert. Sie alle zeigen einzigartig und facettenreich den Spieltrieb der Natur. Wenn wir Menschen (ausgestattet mit drei Farbrezeptoren) sehen könnten, was die Schmetterlinge mit ihren sechs Farbrezeptoren sehen, dann wäre die Welt dieser Schuppenflügler noch bunter für uns. Die Farbenvielfalt der Falter ergibt sich durch Farbpigmente in winzigen Schuppen auf den Flügeln.

Am 14.03. ist der jährliche "Erfahre-mehr-über-Schmetterlinge-Tag“ in Deutschland. Im Museum Wiesbaden habe ich das an jedem Öffnungstag. Schmetterlinge (Lepidoptera) sind die artenreichste Insekten-Ordnung nach den Käfern. Wie ich erfuhr hat die deutsche Bezeichnung „Schmetterling" einen schmackhaften, aber unbegründeten Ursprung. Es hieß, diese Insekten würden Milch, Schmant oder Butter saugen. Daher gelten Sahne und Rahm (niederdeutsch „Schmant“, österreichisch „Schmetten“) als Namensgeber. 

Sie sind so kostbar und doch haben wir in wenigen Jahrzehnten drei Viertel unserer Insekten verloren. Ja, auch der Schmetterling ist ein Insekt. Das Anthropozän, das Menschzeitalter, hinterlässt Spuren und in diesem Fall große Lücken. Wir verlieren unwiederbringliche Kleinode. Beim Betrachten der Vitrinen kann ich das in aller Stille für einen Moment vergessen. In ihrer Anordnung nach unterschiedlichen Kriterien wie Musterbildung, Farbigkeit, und Verwandtschaft sind es leuchtende Porträts der Tag- und Nachtfalter. Übrigens: Der Grüne Zipfelfalter ist der Schmetterling des Jahres 2020.

Bei ihrer Betrachtung überschreitet meine Phantasie ihre Grenzen. Die Erinnerung reist in vergangene Sommerlandschaften. Meine Gedanken und Vorfreude wandern in den nächsten Frühling. Damit lassen sich Herbst- und Wintertage gut überbrücken und damit kann ich mich auf die neue Zeit freuen. Gerade heute, einen Tag vor der Wiedereröffnung des Museums, ist es grau und gruselig kalt draußen. Für heute reicht noch der Blick in den Ausstellungskatalog "Ästhetik der Natur“. Und morgen endlich … 

Meine "Juwelen der Lüfte“: Wenn Edelsteine beseelt wären, dann würden sie sich Schmetterlingsflügel wünschen. "It’s a kind of magic …“

Alle Fotos sofern nicht anderweitig gekennzeichnet: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert