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Blicke hinter die Kulissen der Ausstellung „Lebensmenschen“

Dr. Roman Zieglgänsberger, der Kurator der Ausstellung „Lebensmenschen“, freut sich auf die Wiedereröffnung der Ausstellungsräume.

Nur zwei Tage nach der Eröffnung mussten wir die Ausstellung „Lebensmenschen – Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin“ 
aufgrund der Covid-19 Krise am 15. März 2020 schon wieder schließen. Das trifft uns sehr, weil unsere dreieinhalb Jahre Arbeit, in der alle Museumsabteilungen — von der Restaurierung über die Logistik bis hin zur PR-Abteilung — aufs Engste zusammengeholfen haben, nun nicht von Ihnen besucht werden kann. Wir sind aber guter Hoffnung, dass dies bald unter Einhaltung der geforderten Sicherheitsregeln möglich sein wird. Bis dahin nutzen wir die Gelegenheit und lassen Sie gerne hinter die Kulissen blicken — wir wollen Sie damit nicht vertrösten, sondern vielmehr die Vorfreude wecken, auf das, was Sie erwartet, wenn wir endlich wieder öffnen dürfen: beispielsweise auf den feierlichen dunkelvioletten Saal, in dem die beiden Künstlerpersönlichkeiten unter dem Thema „Tanz, Theater und Maskerade“ mit Hauptwerken aus ihrem Schaffen nebeneinander alternierend präsentiert werden. 

Da finden sich an der Längswand zwischen drei Jawlensky-Gemälden zwei Werefkin-Arbeiten: Als zweites von links das Bild In die Nacht hinein…, das Werefkin so wichtig war, dass sie es im Katalogheft zur Ausstellung der Gruppe „Neuen Künstlervereinigung München“ als ihr bedeutendstes Bild aus dem Jahr 1910 auszeichnete, und als zweites Bild von rechts die geheimnisvollen Schlittschuhläufer, die ehemals ihrem Freund Paul Klee gehörten.

Dann sehen Sie links eine Spanierin und rechts ein Porträt des Tänzers Alexander Sacharoff. Beide Gemälde hat Jawlensky 1913 gemalt und werden in unserer Sammlung im Museum Wiesbaden bewahrt. Die Synthese aus diesen beiden Bildern sehen Sie im Zentrum der Wand, es handelt sich um „Alexander Sacharoff als Spanierin“, das dem Partner unserer Ausstellung, dem Lenbachhaus München gehört. Eine derartige thematische Gegenüberstellung ist stets besonders erfreulich, weil wir unseren eigenen Bestand durch ein hinzugefügtes Bild aus einer andere Sammlung inhaltlich näher erklären und vermitteln können — etwa, wie sich Bildmotive entwickeln und im Werk eines Malers fortschreiben.

Auf der Stirnseite des Saals hängt in der Mitte unser plakatives Hauptwerbemotiv der Ausstellung, die gefährlich-katzenäugige Turandot, die der Sage nach alle Liebhaber, die ihre Rätsel nicht zu lösen vermochten, köpfen ließ. Jawlensky schuf das Bild im Jahr 1912 nach einer Aufführung der gleichnamigen Oper Giacomo Puccinis in München.   

Ein wenig kommt es einem derzeit ja so vor, als ob man sich in einem Wartesaal befindet. Und Werefkin scheint so eine merkwürdige Situation irgendwie vorweggenommen zu haben, da in ihrem um 1909 geschaffenen Gemälde Zirkus / Vor der Vorstellung, links neben Turandot, alles für den Beginn einer Aufführung angerichtet ist — durchaus ähnlich wie unsere Ausstellung, die nur auf den Startschuss wartet, aber niemand weiß (weder Sie noch wir), wann genau er erfolgt. Bei Werefkin sind (wie wir auch im Museum) jedenfalls schon mal alle auf dem Posten: das dunkel-einheitlich gekleidete Publikum auf den normalen Rängen wie die bunten VIPs auf der Ehrentribüne oder die Zirkusbetreiber — zwei Mitarbeiter in grüner Livree, die noch ein letztes Mal für die Pferde die Sandbahn abziehen (wie unsere Restauratorinnen vor jeder Eröffnung einen letzten kontrollierend Gang durch die Galeriesäle machen) oder die beiden tuschelnden Zirkusdirektoren im schwarzen Frack, deren Rücken wir sehen und die sich wohl gerade überlegen, was sie machen sollen, wenn die unfreiwillige Verzögerung noch länger dauert (einen virtuellen Rundgang? einen Blog?).

Je länger man nämlich vor dem Bild steht, desto schwerer fällt einem das Warten und bohrende Fragen, die sonst im allzu schnellen Takt des vorbeirauschenden Lebens verdrängt werden, schleichen sich heimlich von hinten an und nagen plötzlich von vorn an uns: Warum können wir keinen Stillstand ertragen? Warum läuft die Zeit anders ab als sonst? Und wann endlich geht mein Leben auf der präparierten, so wunderbaren dunkelviolett schimmernden Arena zum ersten Mal überhaupt richtig los? Bin ich dann nur Zuschauer oder selbst Akteur? Wer zieht die Strippen, ich oder andere?

Im Bild werden jedenfalls tatsächlich verschiedene Takte dargestellt: da ist mit den weißen Lampions, die mit den Zeltstangen wechseln, ein ruhig wie gleichmäßig ablaufendes Metrum, dann gibt es aber auch den schnelleren Takt, der wie die Minutenzeiger auf einem Zifferblatt mit vielen roten Zeigern auf der gelben Zeltplane schneller ‚runterticken‘… Zeit ist relativ und jeder nimmt sie unterschiedlich war, bewusst wird sie einem aber erst dann, wenn etwas anders ist als sonst … so wie jetzt gerade in diesem zähen Moment ...

Roman Zieglgänsberger
Kustos Klassische Moderne