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Eduard Steinberg (1937-2012)

Komposition - Das Quadrat Kasimir Malewitschs und das Fenster Visa Saizevas (Triptychon), 1985
Komposition - Das Quadrat Kasimir Malewitschs und das Fenster Visa Saizevas (Triptychon), 1985

Das Museum Wiesbaden bewahrt seit 2013 einen wichtigen Teil des künstlerischen Vermächtnisses Eduard Steinbergs (1937–2012), eines Weggefährten und Freund Ilja Kabakovs. Galina Manewitsch, die Witwe des Künstlers, schenkte 83 Werke des russischen Nonkonformisten und erfüllte damit den testamentarischen Wunsch ihres Mannes.

Er fand die Sprache, immer über Hohes, über Erhabenes zu sprechen, immer über die letzte Ebene, immer über das ‚meta‘. Über die Vertikalen und nie über die Horizontalen, über die möglichen Grenzebenen des Bewusstseins.

                                                                                       Ilja Kabakov über Eduard Steinberg

Der Blumenverkäufer, 1962
Der Blumenverkäufer, 1962
Komposition - Njura, Petja, Kolja Saizevs, 1986
Komposition - Njura, Petja, Kolja Saizevs, 1986
Komposition, 1998
Komposition, 1998

Biografie

Eduard Steinberg, dessen Werk in den großen Sammlungen Europas (u.a. Tretjakow Galerie / Moskau, Museum Ludwig / Köln) vertreten ist, wurde 1937 als Sohn eines intellektuellen Dissidenten in Russland geboren. Nach der Rückkehr des Vaters aus der Lagerhaft muss sich die Familie außerhalb Moskaus im südlich der Stadt gelegenen Dorf Tarusa niederlassen. Hier, unterrichtet von seinem Vater, wächst Steinberg in Kreisen verfemter intellektueller Russen auf, was seine spätere Kunst nachhaltig prägen sollte. Insbesondere der Kunst von Kasimir Malewitsch (1879–1935) verpflichtet, beginnt Steinberg ein vornehmlich auf geometrische Tendenzen ausgerichtetes, malerisch äußerst dichtes Werk. Er schließt formal, aber auch inhaltlich an die Kunst des Gründers des Suprematismus an und führt diese Richtung der Moderne in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie kaum ein anderer Künstler, kreativ fort. Bemerkenswert ist hierbei die Methode, einfache geometrische Formen – wie Kreis, Quadrat, Kugel oder Dreieck – mit christlichen Symbolen wie dem Kreuz zu verbinden, um so seine bereits in den 1970er-Jahren in Prag erstmals außerhalb Russlands ausgestellte, einzigartige „Meta-Geometrie“ zu entwickeln. Aufgrund seiner problematischen Lebensumstände und der Abstraktion seiner Malerei beinahe jeglicher Ausstellungsmöglichkeit beraubt, bleibt Steinberg bis 1989 im Untergrund der osteuropäischen Kunstszene ein Geheimtipp. Im Jahr des Mauerfalls erhält er erstmals in Moskau eine Einzelausstellung, die sogleich einen großen Erfolg darstellt. Trotzdem zieht es ihn nach Paris, wo er ab sofort bis zu seinem Tod von der Galerie Claude-Bernard vertreten wird. Es folgen regelmäßig Ausstellungen in Deutschland, Russland und in der Schweiz (u.a. 1992 Josef Albers Museum / Bottrop, 1999 Schloß Morsbroich / Leverkusen, 2000 Wilhelm Hack-Museum / Ludwigshafen 2004, Staatliches Russisches Museum / St. Petersburg). In den Wintermonaten arbeitet er in Paris, in den Sommermonaten lebt er, um Inspiration für sein Werk zu erfahren, in seinem Heimatdorf Tarusa. 

Die Werke Eduard Steinbergs im Museum Wiesbaden

Komposition - Mensch und Fisch, 1987
Komposition - Mensch und Fisch, 1987

Die 83 Werke umfassende Schenkung setzt sich aus 68 Gemälden und 15 Gouachen/Collagen zusammen. Vertreten sind alle Schaffensphasen des Künstlers: Das Frühwerk ist mit dem noch figürlichen Gemälde Blumenhändler aus den 1960er-Jahren vertreten, der Übergang zur abstrakten, zunächst noch organischer Formensprache verpflichteten Kunst zu Ende der 1960er-Jahre mit einigen charakteristischen Beispielen und schließlich das kunsthistorisch bedeutsame geometrisch-abstrakte Werk mit dem Großteil der Bilder ab Mitte der 1970er-Jahre. Besonders erwähnenswert ist ein um die Mitte der 1980er-Jahre entstandene, mehrteilige, lockere Folge an Bildern, in der sich der Künstler in Anlehnung an den Bauern-Zyklus von Malewitsch intensiv mit dem Verschwinden des ursprünglichen russischen Dorfes beschäftigte.

Komposition - Wann starb sie? (Diptychon), 1985
Komposition - Wann starb sie? (Diptychon), 1985

Hervorzuheben ist darüber hinaus, dass es sich bei der Schenkung um ein vom Künstler selbst ausgewähltes Konvolut handelt, das dieser über viele Jahre hinweg zusammenstellte, dem Kunstmarkt bewusst vorenthielt und nach seinem Ableben in einer öffentlich zugänglichen, deutschen Sammlung überführt sehen wollte. Hans-Peter Riese, Nachlassverwalter und Freund von Eduard Steinberg: „Es war erklärter Wille von Eduard Steinberg, dass an einem Ort zwischen Russland und Frankreich, zentral in Europa sein künstlerischer Werdegang zur Gänze und vor allem nachvollziehbar abgebildet werden kann. Mit seinem Schwerpunkt auf internationale konstruktive Tendenzen u.a. des Nachlasses von Friedrich Vordemberge-Gildewart ist das Museum Wiesbaden der ideale Ort für Steinberg.“

Bestandskatalog

Der gesamte Bestand ist zwischen 2013 und 2015 wissenschaftlich erforscht worden. Die Ergebnisse inklusive eines umfassenden Bestandsverzeichnisses wurde im Wienand Verlag Köln (deutsch/englisch) publiziert im Katalogbuch:

Ost/West. Eduard Steinberg zwischen Moskau und Paris, hrsg. von Hans-Peter Riese und Roman Zieglgänsberger für das Museum Wiesbaden, Köln 2015.

Erhältlich für 30 € über:
jessica.krimmel@museum-wiesbaden.de