Klassische Moderne

Internationale Bedeutung besitzt die Sammlung der Klassischen Moderne vor allem durch das gut hundert Werke umfassende Konvolut des berühmten russischen Expressionisten Alexej von Jawlensky (1864—1941), der die letzten zwanzig Jahre seines Lebens in Wiesbaden verbrachte.

Expressionismus

Alexej von Jawlensky, Nikita, 1910

Expressionismus

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches war auch das Museum Wiesbaden, zumindest was seine Sammlung an expressionistischen Werken betrifft, in der sogenannten Stunde Null angelangt. Nur wenige Arbeiten aus den ersten Jahrzehnten des so hoffnungsvollen Aufbruchs in die Moderne waren in der Sammlung verblieben. Somit galt es nach dem Krieg, die Expressionismus-Sammlung völlig neu aufzubauen, was von Clemens Weiler auch sogleich im Hinblick auf die Geschichte des Hauses mit seinen Bezügen zu Alexej von Jawlensky forciert wurde.

Alexej von Jawlensky in Wiesbaden

Alexej von Jawlensky, Selbstbildnis, 1912. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
Alexej von Jawlensky, Selbstbildnis, 1912. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert

Der Werkkomplex um den Künstler Alexej von Jawlensky, der von 1921 bis zu seinem Tod 1941 in Wiesbaden lebte, bildet heute einen der großen Schwerpunkte im Museum Wiesbaden. Dies ist keineswegs selbstverständlich, da eine erste zu Lebzeiten des Künstlers aufgebaute Jawlensky-Sammlung zwischen 1933 und 1937 aufgrund der verheerenden Kulturpolitik der Nationalsozialisten völlig aufgelöst wurde. Alle Werke, die sich noch 1932 als Leihgabe oder Eigenbesitz im Museum Wiesbaden befanden — immerhin mehr als 20 Gemälde —, wurden an die Besitzer*innen zurückgegeben bzw. 1937 beschlagnahmt und abtransportiert. Die heutige Wiesbadener Jawlensky-Sammlung, die mit insgesamt 111 Werken neben der des Norton Simon Museums in Pasadena (USA/Kalifornien) die umfangreichste zum Werk des Künstlers darstellt, konnte in den letzten 25 Jahren hinsichtlich Qualität und Werkauswahl zur bedeutendsten Sammlung weltweit ausgebaut werden.

Alle Entwicklungsstufen des Künstlers — seine frühe Münchner Phase, der Murnauer und Schwabinger Aufbruch, die Schweizer Exilzeit sowie die wichtige Wiesbadener Periode — sind mit Hauptwerken vertreten. Hinzu kommt, dass im Museum Wiesbaden neben dem malerischen auch das graphische Werk äußerst facettenreich in hervorragender Qualität — u. a. Selbstportraits, Bildnisse und Landschaften — bewahrt wird.

Anlässlich des Jubiläums 100 Jahre Jawlensky in Wiesbaden schenkte Marian Stein-Steinfeld (Enkelin von Hanna Bekker vom Rath) im Jahr 2021 dem Museum Wiesbaden die 40 Briefe umfassende Korrespondenz des Künstlers mit seiner Mäzenin Hanna Bekker vom Rath.

Highlights — 10 aus 111

Die Sammlung Hanna Bekker vom Rath

Zusätzliches Gewicht erhält die Abteilung Klassische Moderne durch die Sammlung Hanna Bekker vom Rath, die im Jahr 1987 ans Haus gebunden werden konnte. Zu den bedeutenden Expressionisten Ernst Barlach, Lovis Corinth, Lyonel Feininger, Natalia Gontscharowa, Ernst Ludwig Kirchner, Paula Modersohn-Becker, Otto Mueller oder Emil Nolde kamen durch diese für das Museum wegweisende Erwerbung Ende der 1980er-Jahre noch Hauptwerke von u.a. Willi Baumeister, Max Beckmann, Erich Heckel, Wassily Kandinsky, August Macke und Karl Schmidt-Rottluff hinzu.

Der Ankauf ist untrennbar verbunden mit dem Namen der Sammlerin und Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath, die viele Künstler, deren Kunst während des Nazi-Regimes als „entartet“ galt, im so genannten Blauen Haus (in Hofheim im Taunus) beherbergte. Aus ihrem Nachlass erwarb der Verein zur Förderung der Bildenden Kunst in Wiesbaden e. V. insgesamt 30 Gemälde und Zeichnungen höchsten Ranges und stellte sie dem Museum Wiesbaden als testamentarisch und vertraglich verfügte Dauerleihgabe zur Verfügung.

Otto Mueller, Liebespaar, 1917/19. Foto: Museum Wiesbaden
Otto Mueller, Liebespaar, 1917/19. Foto: Museum Wiesbaden

Konstruktive Positionen

Werner Graeff, Bronzeguss, o.T., 1970er

Konstruktive Positionen

Für die Geschichte der Moderne in der Wiesbadener Kunstsammlung sind die konstruktiven Positionen insofern von Bedeutung, als hier im Taunus 1927 der „ring neue werbegestalter“ gegründet wurde. Von der nationalsozialistischen Kulturpolitik waren die Arbeiten dieser Künstler ebenso wie die der Expressionisten als „entartet“ gebrandmarkt und aus den Museen entfernt worden. Mit Werken von László Moholy-Nagy, Walter Dexel und Erich Buchholz wurde der Grundstein für einen Sammlungsschwerpunkt konstruktiver Kunst im Museum Wiesbaden bereits in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gelegt.

An die Wiesbadener Tradition der konstruktiven Positionen wurde — im Gegensatz zur Jawlensky-Sammlung — jedoch in den 1950er-Jahren zunächst nur zögerlich angeknüpft. Erst in den 1990er-Jahren glückte mit Hilfe der Schweizer Stiftung Vordemberge-Gildewart der Anschluss an die konstruktive Kunst der Zwischenkriegsjahre. Ausschlaggebend hierfür war, dass dem Museum Wiesbaden im Jahr 1997 der Nachlass von Friedrich Vordemberge-Gildewart (1899—1962), dem in den 1920er-Jahren von keinem geringeren als Theo van Doesburg die Mitgliedschaft in der De Stijl-Gruppe angeboten wurde, als Schenkung übereignet wurde. Dieser umfasst neben den  Zeichnungen, typografischen Arbeiten, Studien und Gästebüchern von Vordemberge-Gildewart auch zahlreiche Skizzen, Fotos, Briefe und Archivalien von dessen Künstlerfreunden (u. a. Kurt Schwitters, László Moholy-Nagy, Theo van Doesburg). Hierdurch ist das Museum zu einem der wichtigsten Orte dieser künstlerischen Strömung in Deutschland geworden.

Blick in die Ausstellung

v.l. (oben) n.r. (unten): Raumansicht mit Natalia Gontscharowa, Lehmbruck und zwei Werken von Max Beckmann; Lovis Corinth, Walchensee, 1922-23; Friedrich Vordemberge-Gildewart, K 133, 1942; Joseph Vinecky, Sinnende, 1921; Alexej von Jawlenksy, Selbstporträt 1912 und Dame mit Fächer, 1909; Ausstellungsansichten mit Blick auf Alexej von Jawlenksy, Blaue Berge (Landschaft mit gelben Schornstein), 1912 und Heilandsgesicht: Ruhendes Licht, 1921 und Blumenstillleben, Ansicht mit Natalia Gontscharowa und Gabriele Muenter,  © VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Wilhelm Lehmbruck, Geneigter Frauenkopf, 1911; Max Liebermann, Landschaft (Wannsee), um 1924; Paula Modersohn-Becker, Armhäuslerin mit Ziege, 1903. Alle Fotos: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
v.l. (oben) n.r. (unten): Raumansicht mit Natalia Gontscharowa, Lehmbruck und zwei Werken von Max Beckmann; Lovis Corinth, Walchensee, 1922-23; Friedrich Vordemberge-Gildewart, K 133, 1942; Joseph Vinecky, Sinnende, 1921; Alexej von Jawlenksy, Selbstporträt 1912 und Dame mit Fächer, 1909; Ausstellungsansichten mit Blick auf Alexej von Jawlenksy, Blaue Berge (Landschaft mit gelben Schornstein), 1912 und Heilandsgesicht: Ruhendes Licht, 1921 und Blumenstillleben, Ansicht mit Natalia Gontscharowa und Gabriele Muenter, © VG Bild-Kunst, Bonn 2021; Wilhelm Lehmbruck, Geneigter Frauenkopf, 1911; Max Liebermann, Landschaft (Wannsee), um 1924; Paula Modersohn-Becker, Armhäuslerin mit Ziege, 1903. Alle Fotos: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert

Kunstpreise

Mit dem Museum Wiesbaden sind zwei Kunstpreise verbunden. Der eine ist der Alexej-von-Jawlensky-Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden, der an das Lebenswerk des großen russischen Malers erinnert, der von 1921 bis zu seinem Tode 1941 in Wiesbaden lebte. Er wird alle 5 Jahre vergeben und u.a. gestiftet von der hessischen Landeshauptstadt, der Spielbank Wiesbaden und der Nassauischen Sparkasse.

Als zweites ist der Otto-Ritschl-Preis zu nennen. Der Künstler lebte zwischen 1918 und 1976 in Wiesbaden. Nach anfänglich figürlicher, später auch dem Surrealismus nahestehender Arbeit näherte er sich in den fünfziger Jahren schrittweise der zunächst geometrischen, später eher expressiven Abstraktion. Seit Beginn der sechziger Jahre kreiste sein zunehmend meditatives Spätwerk um einen immateriellen, nur durch Farbe gestalteten Raum. Um den Namen Otto Ritschl lebendig zu halten, vergibt der Museumsverein Ritschl e.V. seit 2001 den ihm gewidmeten Kunstpreis.

Kalender

  • Mi
    29 Sep
    12:15—12:35
    Jugendstil: Der Maler Karl Wilhelm Diefenbach
  • Do
    30 Sep
    16:30—18:30
    Joseph Beuys

Bildungsangebote
für pädagogische Gruppen

Das Museum Wiesbaden bietet eine Vielzahl an Veranstaltungen für jede Altersklasse an. Ob Führungen, Workshops für Kitas und Schulen, Lehrerfortbildungen, Angebote für Studierende, private Gruppen oder Familien mit Kindern.

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